1 echter Meier

** Von Arno Pielenz, Cottbus **
Über die folgende Begebenheit habe ich an anderer Stelle schon berichtet (MUT, Heft Juli/August 2010) und guttenbergere hier einige Sätze:
Vor einigen Jahren kaufte ich in der (inzwischen längst aufgelösten) Antiquariatsabteilung einer großen Buchhandlung eine Ausgabe des Echtermeyer. Auswahl deutscher Gedichte und bat um eine Quittung. Die junge Angestellte sagte, ich solle ihr doch den Titel diktieren, sie könne »die alte Schrift nicht lesen«. Ich unterdrückte mein Befremden – lernt man das in der Buchhändlerlehre nicht mehr? – und nannte den Titel. Zu Hause las ich dann auf der Quittung: »1 echter Meier«.

Diese Ausgabe machte ein erstes Echtermeyer-Dutzend voll. Wozu sammelt man das? Es gibt keinen besseren Zeitgeistspiegel als diesen. Welche Autoren kommen hinzu, welche verschwinden? Und nun: Wie steht es mit Heinrich von Kleist in dieser Anthologie? Er gilt ja (sehr zu unrecht) als bestenfalls mittelmäßiger Gelegenheitslyriker.

In der 17. Auflage von 1871 finden wir das Luise-Sonett An die Königinn von Preußen, aber wohl mehr Luises als Kleists wegen. Man hätte erwarten können, daß der Deutsch-Französische Krieg die Wiedergabe etwa der Germania-Ode veranlaßt hätte, aber der Herausgeber Hermann Masius beschränkte sich in der Neuauflage auf die Aufnahme einiger historischer Notizen. In den biographischen Bemerkungen wird übrigens der 10. Oktober als Geburtstag angegeben, wie auch in der 29. von 1888, während die 33. Auflage von 1900 (auch nur mit dem Luise-Sonett) den 18. angibt. Sie vermerken ferner seinen Selbstmord, während die 39. Auflage von 1912 zwar das gleiche Gedicht enthält, Kleist aber lediglich als »1811 bei Potsdam gestorben« vorstellt: Selbstmord war wohl in einer »Ausgabe für höhere Schulen« pädagogisch nicht vertretbar. – Kleist wird zudem als »Dichter und Schriftsteller« eingeordnet.

Lediglich »gestorben« ist er auch in der 45. Auflage von 1922, dafür aber bringt sie neben dem Luise-Sonett Germania an ihre Kinder sowie zwei Sprüche: Die Bestimmung und Eine nothwendige Berichtigung. Meine Ausgabe wurde trotz des zweiten Spruches (gegen die Gelehrsamkeit von Frauen) vier Lyzeumsjahre lang von Anita Müller benutzt, die ihren Namen in deutscher und lateinischer Schrift auf dem Innendeckel vermerkt hat, mitsamt den durchlaufenen Klassenstufen. (Anita hat intensiv an Schillers Glocke gearbeitet, leider aber auch ihr Tintenfaß über den Buchblock gegossen. Am meisten beeindruckt hat sie wohl Fontanes blutige Ballade Der 6. November 1632 – wir hinterlassen im Buch Spuren wie heute im Internet.) Kleist ist eingestellt zwischen Eichendorff und Chamisso. Im thematisch geordneten Inhaltsverzeichnis finden sich im Abschnitt ›Deutsches Volk und Land‹ zwar Strachwitz’ Germania und Freiligraths Hurra, Germania!, Kleists Ode ist kurioserweise aber im Abschnitt ›III. Sage und Geschichte / Neuzeit‹ aufgelistet (dort auch das Luise-Sonett). Merkwürdig. Die nothwendige Berichtigung erscheint unter der Rubrik ›Frau‹ – sie ist doch aber auch ausdrücklich auf den Mann bezogen.

Nun die 49. Auflage von 1938, hrsg. von Richard Wittsack: Sie enthält neben dem obligaten Luise-Sonett noch Germania an ihre Kinder und Das letzte Lied, letzteres mit dem aus Tiecks Ausgabe der Hinterlassenen Schriften übernommenen Untertitel: »Nach dem Griechischen, aus dem Zeitalter Philipps von Macedonien« als Schlußbemerkung. In Vers 1 ist von »Felsenriffen« (statt »-rissen«) die Rede – sollte da auch jemand Fraktur nicht beherrscht haben? Dem Band beigegeben sind 32 Dichterporträts, endend (im Wortsinne) mit Lersch / Johst / Gerhard Schumann. Nr. 12 ist das bekannte Kleist-Bild, das den Erläuterungen nach allerdings »eine Kreidezeichnung von seiner Braut Wilhelmine von Zenge« in »Privatbesitz« darstellt. Und so war auch dies geklärt.

Nach 1945 erschien der Echtermeyer »neugestaltet«, daher wird die fortlaufende Auflagennumerierung aufgegeben. Die Ausgabe von 1954 (hrsg. von Benno von Wiese) verzichtet auf Kleist ganz. Derselbe Herausgeber hat dann in der Ausgabe von 1973 (und späteren identischen Ausgaben) immerhin das Mädchenräthsel aufgenommen; so bleibt es bis 1993 beim inzwischen bei Cornelsen erscheinenden Echtermeyer (18. Auflage). Die äußerlich und konzeptionell (und in vielerlei Rechtschreibung, Gender-Sprech und politischer Korrektheit) veränderte 19. Auflage von 2006 hat Kleist wieder hinausgeworfen. Das Mädchenräthsel war im Zeitalter der Geschlechtereinebnung wohl zu mädchenhaft. Eine der Herausgeberinnen ist Elisabeth Katharina Paefgen, die eine höchst verdienstvolle Arbeit über den Echtermeyer vorgelegt hat. Die Tendenz läßt sich zusammenfassen in: Weinheber raus, Fried rein. (Ich les’ aber lieber Weinheber.) Aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich im anfangs zitierten Aufsatz eingegangen bin.

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