21. November

Deutsche Blätter. Literar.-polit. Feuilleton-Beilage zur Gartenlaube, Leipzig, 1868, Nr. 23, S. 92 (mit eigenwilligen Datierungen von Geburts- und Todestag, wohl sog. technische Übermittlungsfehler):
»Verfallenes Dichtergrab. – Für den Ort, wo Heinrich v. Kleist geendet hat, ist jetzt in Berlin eine schöne Marmortafel mit goldener Inschrift angefertigt worden. Dagegen scheint sich die Grabstätte des großen deutschen Dichters in einem keineswegs angemessenen Zustande zu befinden. Eine neuerdings in der ›Voss. Zeitung‹ enthaltene Mahnung sagt darüber:
›Schlachtensee im Grunewald bei Berlin ist im Frühling und Sommer das Ziel vieler Landpartieen, Turn- und Sängerfahrten. Nur Wenige aber aus dem Kreise dieser fröhlichen Schaaren haben wohl einmal ihren Beinen noch die halbstündige Mühe auferlegt, um von hier aus auf einem Fußweg mit wechselnden, schönen Durchsichten auf Wald, Havel, Wiesen und Feld bis Friedrich-Wilhelmsbrück zu wandern. Immer das Wasser zur Rechten, die Ziegelei links, und wir ersteigen eine kleine Anhöhe, bedeckt mit dürftigem Haidekraut und wenigen Akazien bepflanzt. Vor uns erhebt sich ein eisernes Gitter mit vier Marmorpfeilern, zwei verwahrloste Gräber umschließend, zwischen denen eine schöne junge Eiche emporwächst, gleichsam als Ersatz für den halbversunkenen, zwei Fuß hohen und einen Fuß breiten Grabstein, mit der verwitterten Inschrift: Heinrich von Kleist, geb. d. 23. October 1776, gest. d. 11. November 1811, so recht vergessen von vaterländischen Literaturfreunden, vergessen von Deutschlands Vätern, Jünglingen und Jungfrauen, vergessen vom Vaterlande selbst, dessen Schande sein Gemüth zerrüttete, sein Leben früh zerstörte.
Von der einen Seite ist der Grabhügel durch Abstechung von Erde rücksichtslos verunziert und unmittelbar am Fuße der andern Seite liegt der Abort, durch seinen Pestgeruch nicht geeignet, den Besucher zu längerem Verweilen einzuladen.
So ruht einer der edelsten Söhne des Vaterlandes, so ehrt man einen deutschen Dichter, dessen Hügel Jünglinge und Jungfrauen schmücken sollten und für dessen Erhaltung der Staat sorgen sollte, zumal das letztere wohl ohne Schwierigkeiten von der dortigen Forstverwaltung übernommen werden könnte.
Möchten doch diese Andeutungen ein Mahnruf sein, das Grab der Vergessenheit zu entreißen, daß auch auf ihm der Frühling erblühen möge!‹«

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