Abgott der Plüschkritiker

An der Kleist-Verehrung seiner Zeitgenossen ließ Carl Sternheim keinen guten Faden. War ihm schon Homburg, besonders Vers 774 (»Der Satzung soll Gehorsam sein.«), den er in seinen Schriften mehrfach zitierte, ein Graus, nämlich Ausdruck von Sklavenmoral und des ›Juste Milieu‹, und meinte er im Rückblick auf das Berliner Theater des ausgehenden 19. Jahrhunderts, daß man damals »viel Schiller und selten Heinrich von Kleist gab, der als revolutionär galt, soweit ein Preuße es vertragen konnte«, so sparte er erst recht nicht mit Häme, wenn er adoleszenzbedingtes Schwärmen und Schmachten für Kleist, den »Abgott der Plüschkritiker« (im Artikel Privatcourage [1924]), auf die Schippe nahm.

In dem 1919 erschienenen Roman Europa:
»Aber auch, als ein junger Dichter, den Professor Walzel aus Dresden schon als deutschen Parnasses zukünftigen Gipfel gebrandmarkt hatte, sie [= die Titelheldin Europa Fuld] nicht deutlich genug als seiner Metaphern Anlaß nannte, mußte sie nur entschieden die Rolle der Muse an sich reißen, daß zu gemeinsamem Grabhügel im Grunewald nach Doppelselbstmord er bereit war; der ihr nicht konvenierte.«

Das Gegenmodell zur letalen Kleist-Nachfolge führt die ins zweite Buch des Romans als Kapitel 8 eingelegte Erzählung Der Rheinländer vor, Kleist als süßliches Naschwerk für den zum Bürger calmierten Heißsporn: »Nun zügelte er und vergewaltigte in sich Gewalten, die er aufgepeitscht hatte, verabscheute Musik, wie sie chaotisch in seinen Angründen brauste, floh vor Urwald und Dickicht in sich; erbleichte, Marx und Nietzsche zu kennen, verwünschte ihre finsteren Sprüche, schleuderte seinen Bakunin in die Ecke. Mochte Bier und Branntwein nicht mehr und verbrachte über Schillers und Kleists Lektüre in Konditoreien Freizeit.«
(Carl Sternheim: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Hrsg. von Fritz Hofmann. Bd. 5: Europa. Roman. [Berlin und Weimar: Aufbau, 1964], S. 14 und S. 87)

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