Abgründiges

** Von Martin Maurach, Opava **
»– unser Bostelmann treibts wie es in seiner Phantasie nur der Mond selbst getrieben haben kann, er unterschlägt sich selbst, er arbeitet am eigenen – Schult zögerte mit dem Wort – einerlei: am eigenen Sturz ins Dunkel, am Auslöschen, am Untergehen. Er geht schon lange herum, als suchte er einen Abgrund, der tief genug ist und also würdig, Bostelmanns Absturz zu empfangen.«
Am Anfang von Ernst Barlachs letztem Roman hatte eben jener Assessor Bostelmann, über den sich hier die nicht weniger rätselhaften Figuren Schult und Wau unterhalten, aus einem eigenen Manuskript vorgelesen, wie der Satan den Mond gestohlen haben soll. Keine ganz nebensächliche Figur also, und man wird fragen dürfen, wie genau Barlach, Kleist-Preisträger von 1924, jenen seit 1905 gedruckten Brief des Dichters an Marie von Kleist vom 10. November 1811 kannte: »Du wirst begreiffen, daß meine ganze jauchzende Sorge nur sein kan, einen Abgrund tief genug zu finden um mit ihr [i.e. Henriette Vogel] hinab zu stürtzen. – Adieu noch einmal! –«
Immerhin könnte man auch Barlachs »Ungehörigkeiten, die im Bestand der Dinge allzu sicher hausten« als würdige verbale Parallele zur »gebrechlichen Einrichtung der Welt« ansehen, und wenn Hans Iver im Armen Vetter oder der »blaue Boll« auch nicht gerade ein Paar Rappen dickfüttern lassen wollen, hat die Radikalität ihres Grübelns über Gut und Böse vielleicht doch etwas untergründig Kohlhasenhaftes, dem nachzugehen lohnte.
(Zitate: Ernst Barlach: Der gestohlene Mond. Hamburg: Ernst Barlach Gesellschaft 2010, S. 84, 27. – Kleist: Brandenburger Ausgabe BKA IV/3, S. 719)

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