Anekdotenschleim

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
In der Literarischen Welt (Berlin) vom 23. September 1927 antwortet Gottfried Benn mit der berühmten Aufstellung der »4,50 M.«, welche er durch seine »künstlerische Arbeiten« verdient habe, auf Ausführungen von Robert Musil, Josef Ponten und Julius Levin über deren außerliterarische Einkünfte und Nebentätigkeiten:

»Hohenzollern oder Republik, das ist Jacke wie Hose. Günther, Hölderlin, Heine, Nietzsche, Kleist, Rilke oder die Lasker-Schüler – der Staat hat nie etwas für die Kunst getan. Kein Staat. […] Er beruft eine Akademie: zwei oder drei Konzessionslose, die unübersehbar sind, aber dann die Masse der Schieber, die flüssigen Epiker, die Rülpser des Anekdotenschleims, die psychologischen Stauer von Mittelstandsvorfällen, Schund und Schmutz, nicht harmlos erotisch, aber produktiv verderbt.«

Ob sechs Jahre später seine Rede Der neue Staat und die Intellektuellen und die fatale Antwort an Klaus Mann auch vor dem Hintergrund dieser Äußerung aus dem Kleist-Jubiläumsjahr zu sehen sind – freilich, ohne dadurch verständlicher zu werden?
(Quelle: Gottfried Benn: Gesammelte Prosa. Hrsg. v. Gerhard Schuster. Stuttgart: Klett-Cotta 1985, S. 123, 126f., 152)

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