Archivmitteilungen

Aus der Bundeshauptstadt (Berlin)

Wenn die Not am größten, ist das Archiv am nächsten. Also teilen wir mit, was wir in den Tiefen desselben gefunden:

[Anschreiben, hs, einseitig, Tinte, Schrift breit laufend, Papier ohne Wasserzeichen:]
Liebe Redaktion!
Getreulich habe ich Ihnen durch Vermittlung meines Freundes, des Polizeiobermeisters W., bislang die aktuellsten Kriminalberichte liefern können. Seitdem aber besagter Freund im Ruhestand und Nachrichten nur noch exklusiv über die Pressestelle erhältlich sind, kann ich, da nicht am Orte ansässig, nur noch Bearbeitungen der Berichte aus den N…schen Nachrichten senden. Dies könnte vielleicht Ihrem geschätzten Blatte aufhelfen. Ich schlage daher vor, daß ich Gefundenes so bearbeite, daß es Ewigkeitswert hat und daher als Stehsatz jederzeit verwendet werden kann.
Indem ich Sie, werte Redaktion, begrüße,
bin ich vorzüglichst
Ihr …

[Beilage, zweiseitig, Ausdruck auf Endlospapier, Nadeldrucker, mit handschriftlichem Vermerk von fremder Hand:]

Trachtler Schorschs Glück und Ende

Mehr als drei Jahrzehnte war der Schorsch nun Vorstand im Trachtenverein, bei jedem gesellschaftlichen Ereignis vertrat er würdig die Belange desselben, und wenn es um ein Gruppenfoto für die Presse ging, wußte er sich immer so zu stellen, daß er in voller Größe (von Breite sprachen nur seine innervereinlichen Widersacher) zur Geltung kam. Bei den turnusmäßigen Mitgliederversammlungen mit Rechenschaftsbericht und Vorstandswahlen rief immer jemand seiner Kegelfreunde: »Ist doch klar, der Schorsch macht’s wieder! – Nicht wahr, Schorsch? Oder hat jemand eine andere Idee? – Na also, ich gratuliere unserem neuen alten Vorstand! Er lebe hoch!« Und alle waren glücklich.
Denn der Schorsch hatte schon ein Händchen. Wenn es darum ging, etwas für den Verein zu tun, kannte er jeden. Den Landrat duzte er sogar, und einmal war er mit Gattin beim Minister eingeladen. Von diesem Ruhm zehrte er noch lange.
Das lief also all die Jahre prächtig, bis dann das große Gau-Trachtenfest kam. Die Gelder für den Festkommers flossen im Übermaß, die Presse brachte nahezu täglich Vorberichte mit originalen Schorsch-Zitaten – nur leider blieb im Festzelt zuviel Platz für die vielen Gäste, die einfach nicht kommen wollten.
Damit hatten die wenigen Widersacher, die bisher nur die Faust in der Tasche geballt hatten, Oberwasser: »Dreißig Jahre reichen eigentlich. Warum muß der so an seinem Stuhl kleben? Merkt der denn nicht, daß seine Zeit abgelaufen ist?«
Nein, der Schorsch merkte nichts. Denn der Schorsch war nicht nur der Vorstand, er war der Verein selbst, und selbst als niemand mehr zum monatlichen Abendtreffen kam, war das nicht weiter tragisch. Er ersetzte glatt eine Hundertschaft der faulen Vereinsmitglieder.
Zu reden war mit dem Schorsch also nicht. Blieb letztlich nur, bei der nächsten Wahlversammlung einen Gegenkandidaten aufzustellen. Dummerweise war aber die Wahl so geregelt, daß man nicht einfach einen neuen Vorsitzenden wählen konnte. Vielmehr war dazu erforderlich, daß der Landrat, der Bürgermeister und der Pfarrer mit auf auf der Vorschlagsliste kandidieren mußten. Und die, der Landrat, der Bürgermeister und der Pfarrer, die standen bereits auf der Liste vom Schorsch.
Also beschlossen die Hand voll Unzufriedener, daß der Wahlmodus geändert werden muß. Und siehe da, die für eine Änderung vorgebrachten Argumente wie der Hinweis auf die Einheitslisten der SED und daß solche Listenwahlen vielleicht nach Nordkorea gehörten und nichts mit Demokratie zu tun hätten, drohten gefährlich im Mitgliedervolk zu verfangen.
Schorschs höchstes Ziel drohte zu sinken, an der Wand las er sogar in leuchtend roter Schrift »Ins Nichts mit dir zurück«, so daß er angstvoll ob seines Lebenswerks und seines ganzen Daseinszwecks zitterte.
Blitzartig kam ihm da die rettende Idee: Jawoll, die Wahlmodalitäten müssen geändert werden. Dazu setzen wir am besten eine Kommission ein. Die soll in zwei Jahren Bericht erstatten, und dann stimmen wir darüber ab.
So wurde also der Schorsch für diesmal wiedergewählt, er stand wieder in voller Größe (und voller Breite, wie die abgemeierten Widerständler kleinlaut tuschelten) auf der ersten Seite der Heimatbeilage des N…schen Generalanzeigers. Und er war sich sicher, daß über das mit der Kommission und mit der Änderung der Satzung in zwei Jahre Gras gewachsen wäre. Womit er nicht ganz Unrecht hatte.
PS: Mit 75 traf ihn, mitten beim Rechenschaftsbericht in der Mitgliederversammlung, der Schlag, und im Nachruf konnte man lesen, wie sich da einer aufgeopfert hatte bis zum Letzten und daß er eine schmerzliche, nie zu schließende Lücke hinterlassen würde.

[Vermerk von fremder Hand:]
So ein Quatsch. Drucken wir nicht. Ablage.

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