Auf Wildost gestimmt

»Ein glänzendes Beispiel für das Nordostdeutsche im Märkertum ist Heinrich von Kleist […]. Kleist ist ganz auf Nordost oder besser ›Wildost‹ gestimmt. Er hat erstaunlich viel von dem ungestümen Slawenblut, slawische Wildheit des Hasses und der Liebe, und ein übertriebenes Schwanken zwischen höchsten Lebenshöhen und schmerzlichsten Tiefsten, was mit zu seinem qualvollen frühen Tod beigetragen hat. Er hatte ›einen echt märkischen Breitkopf und vorspringende Backenknochen‹, wovon Theodor Fontane z.B. bei Valtin in Grete Minde spricht und den die Miniatur Krügers oder die Zeichnung Karl Bauers deutlich macht. Wenn es wahr ist, dass der romantische Zug in der Seele der östlichen Stämme Deutschlands ein slawisches Erbteil ist, dann ist Kleists Schwanken zwischen Schwerfälligkeit im Gefühlsausdruck und überspannter Selbsthinopferung, seine gesamte Philosophie des ›instinktiven Triebes‹, sein Verhältnis zum Weib, seine Todeserotik und seine Sehnsucht nach einem Todesgefährten leichter zu erklären. Dann ist es weniger Krankhaftigkeit als solche und blosse unerklärliche Eigenart, als vielmehr schroffe und unglückselige Einseitigkeit des märkischen Stammescharakters.« (Friedrich Schönemann: Zur Literaturgeschichte der Mark Brandenburg, in: Modern Philology, 12 [1914], Nr. 2 [Juni], S. 117-128; hier: S. 126)

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