Auftritt der Zeugin

Aus einem Essay von Thomas Weitin über Drama und Gericht in Spätaufklärung und Goethezeit:
»Kleist verlegt die Handlung seiner Rechtskomödie Der zerbrochne Krug in die Niederlande und adressiert mit der Utrechter Gerichtsbarkeit eines jener progressiven Stadtrechte, die bereits im Mittelalter, zur Zeit der Wahrheitsproben und Gottesurteile, Elemente des unmittelbaren, tatsachenorientierten Beweisrechts kannten und der Beobachtung des Zeugen entsprechenden Spielraum einräumten. Als Höhepunkt der Verhandlung, die das ganze Stück umfasst, ist der 7. Auftritt gestaltet, in dem sich der Dorfrichter Adam mit dem aus Utrecht angereisten Rechtsrevisor Walter in einen prozessrechtlichen Streit über das Unmittelbarkeitsprinzip verstrickt. Adam versucht aus leicht einsichtigen Motiven, die zentrale Tatzeugin Eve von ihrer Aussage abzuhalten, indem er sie durch den Verweis auf die Verwandtschaftsbeziehung zur Klägerin Marthe Rull als prinzipiell untüchtige Zeugin qualifiziert. Der Vertreter des Obergerichts wendet sich gegen diese übereilte Entscheidung mit dem vielsinnigen Hinweis: ›Die Jungfer zeugt noch nicht, sie deklariert jetzt; / Ob, und für wen, sie zeugen will und kann, / Wird erst aus der Erklärung sich ergeben.‹ Eingefordert wird der Auftritt der Zeugin, ihre direkt in Augenschein zu nehmende mündliche Erklärung, auf deren Basis allererst über ihre Glaubwürdigkeit entschieden werden soll. Anstelle von situationsunabhängigen Regeln, wie Adam sie zu Rate ziehen will, kommt es Walter auf unmittelbare Beobachtung und freie Beweiswürdigung an.« http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20721

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