Ausgebeuteter Schlußvers

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Rolf Selbmann über die Kleist-Herme von Karl Pracht im Kreuzberger Viktoriapark: »Heinrich von Kleist hatte in diesem Aufstellungszusammenhang [die Hermen von Ernst Moritz Arndt, Theodor Körner, Friedrich Rückert, Max von Schenkendorf und Ludwig Uhland kamen allerdings erst später dazu] zwar sein erstes Denkmal überhaupt gefunden, freilich nur als patriotischer Dichter, als der Verfasser der Hermannschlacht [!] und des ausgebeuteten Schlußverses ›In Staub mit allen Feinden Brandenburgs‹ aus Der Prinz von Homburg [!], also als Verherrlicher Preußens. Auch Kleist war mit einem Manuskript, jedoch [?] in nachdenklicher Haltung dargestellt, wodurch der Bildhauer […] vermutlich Kleists Selbstmord und die Bedeutung seines Tragödienwerks besonders betonen wollte. Im Sockelrelief, einem Lorbeerzweig, einer Mohnblume und einer züngelnden Schlange, schien ebenfalls eine solche Anspielung enthalten zu sein.«
Also mal abgesehen davon, daß Kleist vom Homburg nicht nur den Schlußvers verfaßt hat, sind wohl weder dieses Drama noch die Herrmannsschlacht so recht als »Tragödien« anzusprechen. Vielleicht hat es etwas für sich, Preußen ausgerechnet durch Tragödien ›verherrlichen‹ zu wollen, aber dann möge man sich bitte für Leben oder Werk entscheiden und nicht schon wieder beide als ›tragisch‹ zusammenrühren. Eine nachdenkliche Haltung über dem eigenen Manuskript muß ja nicht immer gleich zum Selbstmord führen, und wer sich erschießen will, trifft unter Schlafmohneinfluß leicht daneben. Wessen Sünden lassen hier also die Schlange züngeln?
(Quelle: Rolf Selbmann: Dichterdenkmäler in Deutschland. Literaturgeschichte in Erz und Stein. Stuttgart: Metzler, Poeschel 1988, S. 163. – Übrigens mit guten Fotos)

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