Autonomie und Ohnmacht

** Von Gunther Nickel, Darmstadt/Mainz **

Musikalische Einsicht.
An Fr. v. P….

a.
Zeno, beschirmt, und Diogen, mich, ihr Weisen! Wie soll ich
Heute tugendhaft sein, da ich die Stimme gehört.
b.
Eine Stimme, der Brust so schlank, wie die Ceder, entwachsen
Schöner gewipfelt entblüht keine, Parthenope, dir.
c.
Nun versteh’ ich den Platon erst, ihr ïonischen Lieder,
Eure Gewalt, und warum Hellas in Fesseln jetzt liegt.

Dieses Epigramm, das 1808 in der von Adam Müller und Heinrich von Kleist herausgegebenen Zeitschrift Phöbus erschien, ist auf den ersten Blick äußerst verwirrend. Bei genauerer Betrachtung hat es den Anschein, als handele es von der Geschichte der Kunst: Dem Mythos »entwachsen«, gerät die Kunst »heute«, also in der Moderne, in Konflikt mit einer antiken Tugend­lehre. Zu dieser Aussage führt die Entschlüsselung dessen, was mit der »Stimme« bezeichnet ist: Sie soll der Parthenope »entblüht« sein, also einer jener Sirenen, deren Gesang alle Schiffer, die sie hörten, an Land zwang, um ihr ewig zu lauschen (vgl. Homer, Odyssee XII). Die Kunst hat sich von diesem Ursprung emanzipiert, sie ist der Parthenope als Frucht nicht nur »entblüht«, sondern auch »entwachsen«. Als Kind des Mythos hat sie ihren Ursprung hinter sich gelassen und ihre »gewipfelt[e]« Vollendung erreicht.

Die Kommentatoren der Kleistausgaben sind sich darin einig, daß es sich bei der Anrufung von Zeno und Diogones um Zenon von Kition, den Begründer der stoischen Schule, und den Kyniker Diogenes aus Sinope handeln muß. Die Lehren beider haben ein Gemeinsames: Sie fordern Selbstgenügsamkeit, die Zügelung von Leidenschaften und Begierden. Das schafft die Verbindung zum dritten Distichon, denn auch Platon möchte die Affekte »wegen ihrer Gefährlichkeit« (Der Staat, 398 E) aus seinem Idealstaat verbannt wissen. Von der Dichtkunst darf in ihm nichts anderes als die »Gesänge an die Götter und Loblieder auf die Tugendhaften« Aufnahme finden (ebd.; vgl. auch Laches, 188 D). Die Lieder in der ionischen Tonart eignen sich, aufgrund ihres – so Platon – weiblichen und deshalb verweichlichenden Charakters, allenfalls zur Begleitung von Trinkgelagen. Für sie ist in seinem Idealstaat kein Platz. Aber warum versteht das epigrammatische Ich Platons Verdikt »nun […] erst«, zielt doch die Kunst schon immer auf die Erregung von Affekten und gerät damit nicht erst 1808 in Widerspruch zur antiken Tu­gendlehre?

Diese Frage bleibt unlösbar, liest man das Epigramm, was sein Titel nahe­legt, ausschließlich als Ergebnis einer Reflexion über die Genese moderner Kunst oder gar, wie es die Interpreten bisher getan haben, als Huldigung an eine Sängerin. Eine zweite, eine politische Stimme ist in das Epigramm gleichsam hineinkomponiert und beginnt die erste zu übertönen. Da Parthenope dem Mythos zufolge in der Nähe Neapels gestorben sein soll, wurde ihr Name zum zweiten Namen dieser Stadt. Deshalb nannten die französischen Revo­lutionstruppen 1799, nachdem sie die Herrschaft der Bourbonen in Neapel beseitigt hatten, den neuen Staat »Parthenopäische Republik« (vgl. Johann Gottfried Pahl: Geschichte der Parthenopeischen Republik. Frankfurt a. M. 1801). Die Stimme, die »schöner gewipfelt« der Parthenope »entblüht«, ist nicht nur die Stimme der Kunst, sondern ebenso der Gesang von Freiheit, Gleichheit und Brüder­lichkeit der Französischen Revolution und damit das Versprechen, die Auf­klärungsideale in die Praxis umzusetzen. Nicht zufällig ist es die Zeder, mit der diese Stimme verglichen wird: Sie ist Symbol für Größe, Stärke und Dau­erhaftigkeit, »wie alle immergrünen Nadelhölzer repräsentiert sie die Un­sterblichkeit. Man hielt ihr Holz für völlig gegen Zerfall gefeit und verwen­dete es daher zum Bau des salomonischen Tempels« (Gerd Heinz-Mohr: Lexikon der Symbole. Darmstadt 1984, S. 314). Doch die neapolitani­sche Republik nach französischem Muster erweist sich als genausowenig dau­erhaft wie der Tempel Salomos. Als Napoleon sich am 2. Dezember 1804 zum Kaiser krönen läßt, ist der Stimme der Revolution längst der Atem aus­gegangen. Im Dezember 1805 wird die ehemalige Parthenopäische Republik Königreich unter Regentschaft von Napoleons Bruder Joseph Bonaparte, und die französischen Soldaten, die 1807 sieben Inseln im Ionischen Meer – die Ionischen Inseln – besetzen, sind, anders als bei deren erster Eroberung durch französische Truppen im Jahre 1797, Teil einer kaiserlichen, nicht ei­ner Revolutionsarmee.

Was zunächst wie eine ästhetische Reflexion in epigrammatischer Form aus­sieht, entfaltet eine politische Nebenbedeutung, die zur führenden Stimme wird. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, daß hier zwei Stim­men kontrapunktisch aufeinander bezogen sind, als selbständige einander entgegengesetzt und sich doch wechselseitig bedingende. Denn was die Par­thenopäische Republik dem Namen nach versprochen, aber nicht eingelöst hat, ist die Überführung von Kunst in politische Praxis. Da die Stimme einer vom Mythos emanzipierten Kunst und die Stimme der Französischen Revo­lution gleichermaßen der Parthenope im Namen der Parthenopäischen Re­publik »entwachsen« und »entblühen«, ist sie gleichsam Sinnbild für das Kunstprogramm der französichen Revolution, das aufs engste mit dem Na­men des Malers Jacques-Louis David verbunden ist und das Konvergieren von Kunst und Politk zum Ziel hat.

Der Gesang von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist dem epigramma­tischen Ich betörend wie der Gesang der Sirenen. Eine antike Ethik, die As­kese fordert, kann vor ihm nicht »beschirmen«. Der zweite Satz des Epigramms wird mit einem Punkt beschlossen. Er ist nicht Frage, obwohl durch ein »Wie« in­terrogativ eingeleitet, sondern Feststellung. Nachdem die Veränderung der Welt jedoch mißlang, steht die Berechtigung von Kunst erneut in Frage. Zwar erweist sich in der Französischen Revolution die Kunst für die Monar­chie tatsächlich als das, was Platon befürchtet hat und Kleist begrüßt: als staatsgefährdend. Doch für eine staatliche Neuordnung kann sie weder dau­erhaft noch in jedem Fall garantieren; so ist sie gegen die türkischen Fesseln, in denen Griechenland liegt, machtlos.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.