Baronin Käthchen Degenhart mit Migrationshintergrund

** Von Arno Pielenz, Cottbus **
Eine ›Käthchen‹-Variante besonderer Art liefert Gerhart Hauptmann in seiner Erzählung Der Schuß im Park (in: Sämtliche Werke. Berlin: Propyläen 1996 [= Centenarausgabe, Sonderausgabe], Bd. VI, S. 423-466). Der Ich-Erzähler besucht nach langen Jahren seinen Onkel, Abenteurer, lebensfroh, genießend und sterbend. Der wiederum berichtet von einer Begegnung in Ostafrika mit einem Baron Degenhart:
Eine gar nicht alltägliche Sache, dieser Baron Degenhart. Am zweiten Tage, den der Baron bei uns zubrachte – er blieb auch nachts bei uns im Zelt –, trat eine junge Farbige in Erscheinung. Sie suchte jemand und fragte nach ihm. Da niemand von uns Kisuaheli verstand und der Dolmetscher nicht zugegen war, konnten wir nicht herauskriegen, wen sie meinte. Bis dann der Baron aus dem Zelte trat und das junge Geschöpf mit dem blitzschnellen Sprung eines Panthers plötzlich zu seinen Füßen lag. Sie umklammerte seine Knie. »Sie ist so ein kleines Spielzeug von mir«, sagte er, zu uns gewandt, in einem brutalen und leichtfertigen Ton, der uns aufs äußerste mißfiel. »Ich habe die Kleine Käthchen genannt. Sie ist wirklich ein schwarzes Käthchen von Heilbronn. Sie klebt, man kann sie nicht loswerden. So hat sie mich nun auch wiederum aufgespürt. Ich bitte mich deshalb zu entschuldigen.«
Jahre später begegnet der erzählende Onkel dem Baron wieder, nunmehr liebevoller Gatte und zärtlicher Vater. Gesprächen über afrikanische Erinnerungen weicht er aus, erbleicht aber bei der Nachricht, daß »ein farbiges Weib, eine Art Negerin, mit einem zwölfjährigen Sohn, der heller ist als sie, die Gegend unsicher« mache. Der Onkel begeht, wie er zu spät bemerkt, eine »taktlose Dummheit«, indem er das Glas erhebt und den Baron auffordert, »die Geschichte vom Käthchen von Heilbronn« zu erzählen. Der Baron reagiert mit »scharfem und schnödem Ton« und nennt das »Käthchen […] ein ziemlich läppisches Drama von Kleist«. Für »dergleichen poetische Luftblasen« interessiere er sich nicht.
Nun, er hätte gut daran getan, das Stück genau zu lesen und ernst zu nehmen und vielleicht auch noch C. F. Meyers Ballade Mit zwei Worten: Die Frau im Park ist natürlich das schwarze Käthchen, das sich bis hierher durchgehungert und -gebettelt hat; er versucht sie zu erschießen, sie wird verletzt gefunden und von der Baronin Degenhart gesundgepflegt. Bei ihr gefundene Papiere belegen, daß sie ebenfalls eine gesetzlich angetraute Baronin Degenhart ist. Der Baron verschwindet aus der Geschichte und der Welt, die beiden Baroninnen verbinden sich in »rührender Liebe«.
Goebbels gefiel die Geschichte wegen der ›Rassenschande‹ nicht, und er verweigerte das Papier für eine zweite Auflage. Heute dürfte der Begriff ›Negerin‹ Anstoß erregen. Aber Anstößiges wird immer gern gelesen.

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