Begraben auf eigene Gefahr

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Der evangelische Theologe und Schriftsteller Kurt Ihlenfeld (1901-1972) beginnt zur Zeit des Baus der Berliner Mauer ein Tagebuch, in dem Kleist mehrmals erwähnt wird. Im November 1961 beschreibt er, wie er im Auftrag der West-Berliner Akademie der Künste ein »Blumengebinde« am Grab niederlegte:
»Kopfschütteln erregt die ›Bewehrung‹ des Zugangs [zum Grab] mit drei Holztafeln, von denen eine, den Weiheort ankündigende, in Versform den Wanderer ermahnt, mit der Natur schonsam umzugehen, die zweite für Hunde Leinenzwang anordnet, die dritte erinnert, daß das Betreten des Platzes auf eigene Gefahr geschehe. Alle mal herhören, hier spricht das Bezirksamt!«
Zwei Jahre später assoziiert Ihlenfeld den Freitod Kleists mit einem anderen »Ereignis«. Er zitiert Hardenbergs Aktenvermerk vom 22. November 1811, »Zu den Akten, da der pp. von Kleist 21.11.11. nicht mehr lebt« (sic!), und fährt fort:
»So nüchtern kann ein ungewöhnliches Ereignis registriert werden. Wir heute, am 23. November 1963, wir Berliner, sind nicht imstande, das gestrige Ereignis nüchtern zu betrachten, so heftig hat es sich in unsere eigene Geschichte mit unverwischbaren Buchstaben eingeschrieben, nicht an den Rand, sondern in die Mitte.«
Er meinte die Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963.
(Quelle: Kurt Ihlenfeld: Stadtmitte. Kritische Gänge in Berlin. Berlin: Frieling, 1997 [zuerst 1965], S. 39, 259)

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