Brahms in Thun

»Kleist ist nun ein so großer Liebling von mir wie wenige«, schreibt Johannes Brahms an Clara Schumann am 26. Februar 1856. »Seine Schauspiele und Erzählungen lese ich immer mit demselben Entzücken und lieber wie alles andere Neue.« (Nachruhm Nr. 534)

Dreißig Jahre später hat Brahms die Sommermonate 1886-88 in Thun verbracht, als Gast »eines zwischen Stadt und See unterhalb des Jakobshübeli gelegenen fünffenstrigen, kleinen Hauses […]. Es erhebt sich dicht am Ufer der in krausen Stromschnellen vorüberschießenden blaugrünen Aare, die ein wenig weiter oben das blanke Becken des Thuner Sees verläßt, um ›das Inseli‹ und die Thuner Stadtinsel liebend zu umfassen. […] Gegen die Neugierde Vorübergehender schützte sich Brahms dadurch, daß er nur die nach der Aare zu gelegenen Zimmer seiner geräumigen Wohnung benutzte. Von dort hatte er überallhin die entzückendste Aussicht: […]. Am andern Ufer führt unter schattigen Bäumen der schöne Promenadenweg nach dem uralten Scherzligen, mitten im Flusse davor schwimmt das buschige ›Inseli‹, aus dessen Grün die Deloseaschen Häuser hervorlugen, das Stromparadies des Dichters Heinrich von Kleist, der dort 1802 poetischen Plänen nachhing und sein Leben selbst zur Poesie gestalten wollte (›Ein Kind, ein schön Gedicht und eine große Tat!‹).« (Max Kalbeck: Johannes Brahms. IV. Erster Halbband 1886-1891. Zweite verb. Auflage, Berlin 1915, S. 5f.)

Über eine Szene in Brahms’ Sommerdomizil berichtet Klaus Groth anspielungsreich in einem Brief an die Opernsängerin und Brahms-Interpretin Hermine Spies: »Er [= Brahms] ließ mich nicht fort, ich mußte hinauf zu ihm. Ja, liebe Hermine, was wir dann in einer halben Stunde sprachen, das hätten Sie auch mit Vergnügen angehört, ja selbst Heinrich von Kleist, der dort drüben im roten Häuschen unter Bäumen gewohnt, geliebt und gedichtet, wäre nicht davongelaufen. Denn auch unsereinem reißen bei dem Manne die Schleusen auf, welche die alltägliche Mittelmäßigkeit zuschlämmt.« (Kalbeck S. 119)

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