Büchersturz und Bildersturm

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
»Der hat dir nichts getan«, sagt der ›Sohn‹ in Walter Hasenclevers (1890-1940) gleichnamigem Drama. Er meint Heinrich von Kleist und »berührt das Buch zärtlich«, das sein Vater umgestoßen hat. 1914 bei Kurt Wolff in Leipzig erschienen, wurde das Stück zu einem der berühmtesten expressionistischen Dramen. Die Revolte der jüngeren Generation, die bald den Älteren die Schuld am Kriege geben sollte, wurde auch in symbolischen Kanonrevisionen ausgefochten. Während Hasenclevers Vaterfigur Kleist und die Literatur überhaupt als »Unsinn« verwirft, der den ›Sohn‹ von einem ordentlichen Examen abhalte, wird später bei Alfred Döblin der Deutschlehrer selbst zum Bilderstürmer. 1918 als Oberleutnant heimkehrend, wirft Friedrich Becker Kleists »Jugendbild« auf den Fußboden und beschwert es mit zwei »Lexiken«. So wie vor dem Krieg die Klassiker gelehrt worden seien, gelten sie ihm nicht mehr als Tändelei, sondern als mitschuldig an geistiger Aufrüstung.
Während das Volk der Dichter und Denker 1933 die Kleist-Preisträgerin Else Lasker-Schüler mit einer Eisenstange ins Exil prügelte, trieb es den Kleist-Preisträger Walter Hasenclever 1940 bei Aix-en-Provence in den Selbstmord. Zuvor soll er noch erwogen haben, »als Dolmetscher« in die französische Armee einzutreten, wurde aber bei Kriegsbeginn in Frankreich interniert. Ein ›Kleistsches Schicksal‹, vielleicht.
(Quellen: Michael Serrer [Hrsg.]: Walter Hasenclever Lesebuch. Düsseldorf: Edition Virgines 2013, S. 60. – Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Bd. 2. München: dtv 1978, S. 61f. – Dieter Breuer [Hrsg.]: Walter Hasenclever 1890-1940. 2. Aufl. Aachen: Alano 1996, S. 118)

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