Chili-Schote

** Von Arno Pielenz, Cottbus **
Nicht den ersten Beitrag zur Rubrik »Kleist-Rezeptionszeugnisse, die die Welt nicht braucht« liefert Diethard Lübke in der Reihe … einfach klassisch des Cornelsen-Verlags (Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chile. Die Marquise von O. Auf der Grundlage der Ausgabe von 1810 für die Schule bearbeitet von Diethard Lübke. Berlin 2010).
Berühmt, viel zitiert und bewundert ist der erste Satz von Kleists Erzählung Das Erdbeben in Chili:
In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, Namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.
Lübke hat nun eine ähnliche Geschichte geschrieben mit fast dem gleichen Titel: Das Erdbeben in Chile, die so beginnt:
In Santiago, der Hauptstadt des Königreichs Chile, ereignete sich im Jahre 1647 ein großes Erdbeben, bei welchem viele Tausende Menschen starben. In dem Augenblick, gerade als das Erdbeben begann, stand ein junger Spanier in seiner Gefängniszelle an einem Pfeiler und wollte sich erhängen. Sein Name war Jeronimo Rugera.
Lübke behauptet nun allerdings, ein umgekehrter Guttenberg, diese pomadige Sprache sei die Heinrich von Kleists, erzählt, sich an den Geschehnissen der Kleist-Novelle entlanghangelnd, die bekannte Geschichte auf Teletubbies-Niveau, ohne daß aber wohl jemand auf die Idee käme, wie bei diesen zu rufen: »Nomal, nomal!« Man glaubt, eine Ikea-Bauanleitung zu lesen, zumal Lübke nicht versäumt, dem Leser Begriffe wie »Festung« oder »Kruzifix« zu erläutern und mitzuteilen, daß man bei einer Steinigung gesteinigt wird. In einigen Ländern gibt es heute noch Steinigungen. In welchen, wagt er nicht zu sagen.
Im gleichen Heft wird die Marquise von O. noch einmal vergewaltigt. Die Beantwortung der beigegebenen Fragen fordert höchste intellektuelle Anstrengung: Neben der (in schauderhaft falscher Fraktur gesetzten) Anzeige steht die Frage, was in der Anzeige stehe.
Wer zu hohem Blutdruck neigt, frage vor der Lektüre dieses Bändchens seinen Arzt oder Apotheker.

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