Das Bettelweib von Gumbrecht

»Ich möchte das an einem sehr kurzen Text erläutern, dem Bettelweib von Locarno. Einer der Hauptprotagonisten [sic (protagonistas centrais)] dieser Erzählung ist der Marchese von Locarno, der in einem Schloß dieser schönen Stadt im Süden der Schweiz und im Norden Italiens lebt. Die Geographie ist Kleist stets sehr wichtig; er präsentiert geradezu ausschweifend präzise geographische Bezüge. Eines Tages, in einer für die romantische Literatur typischen Szene, erscheint im Schloß eine Bettlerin, und, ebenfalls typisch für die romantische Literatur, der Marchese verweigert ihr ein Almosen und erlaubt ihr nicht einmal, an der Schloßpforte zu übernachten. Bis zu diesem Moment – und es sind schon drei Viertel der Novelle verflossen – handelt es sich um eine absolut konventionelle Geschichte. Indessen, wenige Tage nach diesem ersten unerfreulichen Treffen, erscheint die alte Bettlerin während der Nacht im Schloß (was ebenfalls romantisch ist), aber es bleibt ungewiß, ob sie es in der Vorstellung oder der Realität tut, ob sie gestorben ist oder nicht, und es ereignet sich etwas typisch Kleistisches: Die Bettlerin beginnt den Saal geometrisch zu queren. Kleist liefert eine sehr präzise, gleichsam mathematische Beschreibung. Die Bettlerin quert diesen Großen Saal des Schlosses mehrere Male und beginnt ihn in Brand zu stecken. In den folgenden Nächten kehrt sie mit immer dem gleichen Effekt zurück und zerstört allmählich das ganze Schloß. Das Interessante ist, daß es von seiten des Marchese und seiner Familie keinerlei Reaktion gibt, weil sie wissen, daß sie dieser Zerstörung nicht widerstehen können – sie ist ein Schicksal. Am Ende stirbt die Familie des Marchese, im letzten Satz sagt der Autor: Bis heute kann man die Ruinen dieses Schlosses sehen.« (Hans Ulrich Gumbrecht auf der ersten der im August 2007 gehaltenen três conferências über Heinrich von Kleist [Aus dem Portugiesischen für Stimming’s Inn übersetzt von Arno Pielenz]).
In: Floema. Caderno de Teoria e História Literária (Bahia), Nr. 4A, Oktober 2008 (Sonderheft: Kleist por H. U. Gumbrecht), S. 11f.: http://periodicos.uesb.br/index.php/floema/issue/view/14

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