das ganz singuläre

Wilamowitz-Moellendorff über Amphitryon mit verschärfter Kleinschreibung:
»wer einfach antik empfindet, wird den gatten, dem ein gott aus seinem weibe einen übermenschlich herrlichen sohn schenkt, demütig und stolz zugleich die gnade hinnehmen lassen, wie Tyndareos, Ariston der vater Platons, Joseph der zimmermann tun. wer modern empfindet, wird einen hahnrei sehen: den komisch oder tragisch zu nehmen gleichermaßen eine errungenschaft der christlich germanischen weltanschauung ist. man muß diesen gegensatz zu verstehen und auch zu empfinden gelernt haben, um das ganz singuläre zu schätzen, das in der Amphitryonfabel liegt. und man muß die glänzende und völlig gelungene leistung Molières bewundern, aber auch den mislungenen versuch Heinrichs von Kleist, die ehrwürdige und heilige sage nach ihrem werte verständlich zu machen, bewundern können, damit man die freiheit des sinnes habe, weder blasphemische frivolität in der Amphitryonsage zu finden, noch die romantisch krankhafte gefühlsverwirrung hineinzutragen.« (Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff: Einleitung in die attische Tragödie. Bd. 1. Berlin: Weidmann 1889, S. 297f.)

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