Das überholte Bild

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Im Herbst 1938 fragte der Münchner J.F. Lehmanns Verlag bei Georg Minde-Pouet wegen einer Reproduktion des angeblichen Miniaturportraits der Ulrike von Kleist aus dem Jahr 1807 an. Der bereits beschriebene unerfreuliche Vorgang war von antisemitischen Tönen geprägt: »Wir [= J.F. Lehmanns Verlag] möchten auch nicht gerne als Besitzerin [der Miniatur] einen jüdischen Namen angeben«. Die Miniatur wurde für »ein Werk aus der Feder von Frau Lydia Ganzer-Gottschewski über ›Das deutsche Frauenantlitz‹« benötigt. Der Verlag verfügte jedoch über noch mehr solcher Federn. Es sollte nämlich »von [Karl Richard] Ganzer ›Das deutsche Führergesicht‹ vor Weihnachten noch eine Neuauflage fertiggestellt werden«.
Was da im Jahr des Novemberpogroms unter deutschen Tannenbäumen liegen sollte, führte zumindest in der Erstausgabe (München: Lehmanns 1935) einen eindrucksvollen Untertitel: »200 Bildnisse deutscher Kämpfer und Wegsucher aus zwei Jahrtausenden. Mit einer Einführung in den Geist ihrer Zeit«. Klarerweise kam es vor einem derartigen Horizont auf Aktualität an: »Das darin enthaltene Bild von Heinrich von Kleist ist überholt […]«. Es gebe »ein neues Bild von ihm, das in diesem Jahr in Privatbesitz aufgefunden wurde.«
Seit 1811 war es ja auch mal fällig, daß der Dichter wieder Modell saß. Gemeint ist aber entweder der inauthentische »Walbner« oder das sogenannte Gefangenschaftsbild von 1807 (vgl. Stimming’s Inn, 27.4.2013). Der als »sujet suspect« ausgeschriebene Kleist als »Führergesicht« – es hätte was gehabt. Wie der Verlag so schön schreibt: »Wir legen Wert darauf, dass Heinrich von Kleist, einer unserer ganz grossen Klassiker, in einem wirklich guten, zeitgenössischen Bild gebracht wird.« Diesen Zeitgenossen waren eben tausend Jahre wie ein Tag – und vor allem: »Die Ähnlichkeit zwischen den Geschwistern kommt doch bei diesem Bild sehr gut zum Ausdruck.«
(Quelle: J.F. Lehmanns Verlag an Minde-Pouet, 10.8. bzw. 5.11.1938. Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder]. – Zum Briefwechsel um die Ulrike-Miniatur MM: »Ein Deutscher, den wir erst jetzt erkennen«. Heinrich von Kleist zur Zeit des Nationalsozialismus. Heilbronn: Kleist-Archiv Sembdner 2011, 203f.)

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