Dasselbe in Grün

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
»Was wäre, wenn die Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten? Man versteht Kleists Frage meist als einen Einspruch gegen die kantische Philosophie. Dabei hat man übersehen, daß Robespierre grüne Brillengläser getragen hat. […] Ob Kleist bei seiner Frage an die grünen Brillengläser Robespierres dachte […]?« (Henning Ritter: Notizhefte, Berlin 2010, S. 87f.).
Über diese Frage, darüber, daß es vor allem darauf ankäme, zeitgenössische Quellen (vor 1801) zu Robespierres grüner Sonnenbrille zu ermitteln, die Kleist eventuell zur Kenntnis genommen haben könnte, und über Neros (künstlichen?) Smaragd, durch den er die Welt betrachtet haben soll, führten Henning Ritter und ich im Laufe des Jahres 1997 ein längeres Telefongespräch. Vor allem seinen Blick über den (germanistischen) Tellerrand, weg von Wünschs Kosmologischen Unterhaltungen und Klingers Kettenträger, fand ich sehr anregend.
Erst jetzt stelle ich beim Durchblättern meiner eigenen Notizbücher fest, daß ich, statt zu finden, was ich suchte, in der damals von mir regelmäßig benutzten Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt auf den Text eines Autors mit dem vielsagenden Pseudonym ›Ophthalmophile‹ gestoßen bin: Sur les lunettes vertes, abgedruckt in der Pariser Zeitschrift La Décade (IIIe Trimestre de l’an XI [1802/03], S. 126f.). »Dans les commencemens, mes lunettes vertes me faisaient voir tous les objets verts«, heißt es darin. »Cette impression ne dura pas. L’imagination ne tarde pas à rectifier la sensation et à rendre à chaque objet sa couleur naturelle. Maintenant je vois tous les objets sous leur véritable couleur, tellement que j’oublie quelquefois mes lunettes et leur couleur à l’instant même que les ai sur le nez.«
Zumindest ein historischer Beleg zu den grünen Brillengläsern Robespierres ist mir inzwischen ebenfalls bekannt: Recueil d’anecdotes, biographiques et historiques. Sur les personnages les plus remarquables, et les évenemens les plus frappants, de la revolution françoise, Paris 1798, S. 281 (»les lunettes vertes, dont il faisoit usage, le rendoient plus affreux«).
Grüngetönte Sonnenbrillen waren um 1800 ein beliebtes und weitverbreitetes modisches Accessoire (Foto eines historisches Modells in Eberhard Sieberts Kleist-Bildbiographie, Heilbronn 2009, S. 100). Wer mehr über die Motivgeschichte grüner Brillen wissen will, dem sei Michael Mandelartz’ ganz aktuelle Zusammenstellung Grüne Gläser. Quellentexte zu Kleists sog. ›Kantkrise‹ empfohlen.

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