De mortuis

Hellmuth Karasek im Interview mit der Wiener Zeitung:
»Der ›Spiegel‹ war früher immer besonders respektlos, einmal sagte der Augstein in der Konferenz: Ich mag es nicht, wenn ihr den Leuten ins Grab pisst. Das hat etwas Schändendes, da kann man ein paar Wochen warten. Was Henryk Broder jetzt geschrieben hat (in der ›Bild‹ schrieb er etwa: ›Grass war ein schwadronierender Langweiler‹, Anm.), geht mir ein bisschen weit, muss aber auch sein dürfen. Ich habe mich ja indirekt beteiligt, denn der ›Spiegel‹ hat mich zitiert: Ob Waldsterben, Atomnot und Dritte-Welt-Krisen, keinem Thema gelingt es, unbehelligt von Grass vorbei an die Öffentlichkeit zu kommen. Kleist war von Goethe auch enttäuscht, er hat ein Distichon geschrieben, wie sich Goethe der Farbenlehre zugewandt hat: ›Seht, was das Alter so macht, er zerlegt jetzt den Strahl, den seine Jugend einst warf.‹ Von alten Leuten darf man auch enttäuscht sein.« http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/autoren/?em_cnt=749683&em_cnt_page=2

[Nachtrag:] Auf die Nachfrage eines freundlichen Besuchers von Stimming’s Inn, ob Herr Karasek Kleist richtig zitiert, antworten wir: knapp daneben ist auch vorbei. Das Epigramm mit dem Titel Herr von Göthe steht im Phöbus, 4./5. Stück, April/Mai 1808, S. 69, und geht so:
Siehe, das nenn’ ich doch würdig, fürwahr, sich im Alter beschäft’gen!
Er zerlegt jetzt den Strahl, den seine Jugend sonst warf.

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