Der Berliner Luft

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Kann das Internet als Archiv dienen, dann vielleicht dank des schon Gedruckten, z.B. einer mit vorbildlichen Registern versehenen Auswahl aus Theaterkritiken von Friedrich Luft (1911-1990). Seit 1982 sind fünf Kleist-Kritiken auf diese Weise zugänglich – und mit ihnen viele köstliche verbale Luft-Streiche: Heidemarie Theobald zum Beispiel »spielt die Natalie wie eine weitausschreitende, grämlich ältliche Krankenschwester aus Kremmen oder Neuruppin«, so über die Homburg-Inszenierung von Hans Lietzau am Berliner Schiller-Theater 1972.
Geschenkt, daß Luft im Jahr 1957 das Käthchen von einem »holden Surrealisten-Kleist« zu stammen scheint (Gustav Rudolf Sellner ebendort) und der Amphitryon 1961 »so weit von Ionesco, von Audiberti, von Pinter oder Kafka gar nicht entfernt« sei (Walter Henn, auch am Schiller-Theater). »›Modern‹ im modernsten Sinne der Moderne« eben – so bastelten sich Kritiker schon immer ihre Tagesaktualität. Auch das ›surrealistische Rittermärchen‹ der Fünfziger neben dem auf leerer Bühne vor wechselnden Stoffahnen gespielten ›kargen‹ Käthchen von 1976 (Freie Volksbühne, Kurt Hübner), in dem Luft einen Gegenentwurf zu Peymanns Inszenierung aus demselben Jahr erblickt, bezeichnen zwei Extreme, die ja nicht nur in der Aufführungsgeschichte des Käthchen immer wiederkehren.
Besonders lesenswert ist aber Lufts unerschrocken-ehrlicher Annäherungsversuch an Peter Steins Homburg (Schaubühne am Halleschen Ufer, 1972), der das eigene Befremden nicht ausspart, so wenn ihm Bruno Ganz als Prinz erscheint wie »ein neurotischer Proletarier, der sich unter die Fahnen und in die Schlösser verirrt hat«, und wenn die traumspielartig verlangsamte Sprechweise moniert wird. Lietzaus Homburg aus dem selben Jahr wird Luft daneben zum bloßen »Stadttheater«, offenbar – warum bloß? – schon damals der Lieblingshaßausdruck kritischen Naserümpfens. Über Bernhard Minetti als Kurfürsten heißt es dort: »Er knurrt. Er grimassiert. Er bellt.« Tat er wahrscheinlich. Eben wie ein geborener Kritiker.
(Friedrich Luft: Stimme der Kritik I und II. Frankfurt a.M. u.a.: Ullstein 1982. Bd. I, 358-360, 506-508; Bd. II, 178-180, 182-186, 265-268)

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