Der expressionistische Artillerist

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Anzuzeigen ist nach 33 Jahren der Abschluß der in der Münchner »edition text + kritik« erscheinenden Werkausgabe von Franz Richard Behrens (1895-1977), dem noch immer unterschätzten Lyriker des ›Sturm‹-Kreises, der sich selbst von Arno Holz und August Stramm beeinflußt sah. Ein in Prosa geschriebenes »Feldtagebuch« (1915; Bd. 2) läßt sich nun in direktem Vergleich mit den »Feldtagebuchgedichten« Todlob (1915/16; Bd. 3) lesen.

Kleists Erzählungen las Behrens vermutlich in der Ausgabe von Bruno Cassirer, Berlin 1910 (Bd. 2, S. 167). Bei der Penthesilea-Lektüre kommt ihm kurz vor Schluß der Luftkrieg in die Quere (Ebd., S. 164, 16.6.1915):

Penthesilea Finis.
Todwillewort. Goldfeuerstahl. Kleist o Kleist:
Die abgestorbene Eiche steht im Sturm. Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder.
— verdammt, ein alter Russenflieger reisst mich ans Geschütz, kommt nur bis 8000 m heran. Gleich hinterher schwimmt ein deutscher Doppeldecker im Blaugrau der wachsenen Dämmerung, spaziert als Bummler die Front der Brummer ab. […]
— Also weiter im wohlen Zitat:
— weil er in ihre Krone greifen kann.

Die beiden neugeschaffenen, für Behrens’ Lyrik typischen Komposita »Todwillewort. Goldfeuerstahl« mögen unmittelbar der Penthesilea ›Tod aus freiem Willen‹ reflektieren. Möglicherweise hat dieser auch noch am 1. Juli 1915 in Todlob ein Echo in dem Gedicht Herbert Eulenberg gefunden: »Du, deutscher Mensch / Du halfst uns ein / Die große Zwei / Des Seins / Zu küssen und / Sie zu verstehn / Selbstseele Selbstschwert / In sich zu schweißen / Zum Selbstbegehn.« (Bd. 3, S. 33)
Bereits vierzehn Tage zuvor sah Behrens den 14. Auftritt der Penthesilea in unverfrorenem Kontrast zur eigenen Lebens- und Schreibsituation: »Ja, Penthesilea: Der Mensch kann gross, ein Held, im Leiden sein, doch göttlich ist er, wenn er selig ist. Und nicht im Krieg.« (Bd. 2, S. 164)
Der vierte Band enthält vor allem Filmdrehbücher und -kritiken, mit denen Behrens sich nach dem Ersten Weltkrieg über Wasser hielt; u. a. sein Drehbuch Hamlet wurde 1920 mit Asta Nielsen in der Prinzen-Rolle realisiert.

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