Der Fluch der bösen Tat

** Von Arno Pielenz, Cottbus **
»Wie es auf Erden Stätten gibt, an denen seit uralten Zeiten sich Heiligtümer folgen, so ist es auch mit Plätzen der Gewalt. Auf ihnen scheint ein Fluch zu liegen, der stets neue Opfer an sich zieht.«
So reflektiert Ernst Jünger in seinem Roman Heliopolis (oder richtiger: seine Romanfigur Lucius) den ersten Anblick einer auf antiken Zyklopenmauern ruhenden modernen Festung (S. 51). Kurz davor hatte ein Gelehrter im Roman einen solchen Ort des Unheils erwähnt: Kleists Grab. »Im Frühjahr 1945 fanden in der Gegend des Wannsees Selbstmorde in großer Anzahl statt. Wie sind sie gelagert auf dem Kataster, mit Kleistens Grab im Mittelpunkt?« (S. 45) – Es scheint sich hier nicht um eine dichterische Erfindung Jüngers zu handeln, sondern um eine der Presse entnommene Miszelle, deren Wahrheitsgehalt wohl nicht mehr überprüft werden kann.
Zu den ersten Buchkäufen Jüngers zählte übrigens eine Kleist-Gesamtausgabe.
(Ernst Jünger: Sämtliche Werke. Bd 16: Erzählende Schriften II. Heliopolis. Stuttgart: Klett-Cotta 1980)

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2 Kommentare zu Der Fluch der bösen Tat

  1. Martin Maurach sagt:

    Ein Jahr nach der „Heliopolis“ schreibt ja auch Carl Schmitt mit Bezug auf das Kleist-Grab über „Selbstmorde […], die im Frühjahr 1945 gerade in diesem Teil Berlins und gerade in einer bestimmten sozialen Schicht verübt worden sind“ („Zwei Gräber“, in: Ex captivitate salus. Erfahrungen der Zeit 1945/47. Köln: Greven 1950, S. 38-45, hier 42). Von hier aus konnte ich keinen Vorabdruck der „Zwei Gräber“ nachweisen, der ggf. Jüngers „Heliopolis“ von 1949 hätte inspirieren können.

    • Arno Pielenz sagt:

      Danke! Offensichtlich scheint nicht nur Kleists Selbstmord, sondern auch noch sein Grab so eine Art Werther-Effekt ausgelöst zu haben.
      Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Carl Schmitt (Stuttgart: Klett-Cotta 1999) gibt dazu nichts her. Nebenbei: Es ist eine üble Sitte, einen 900seitigen Briefband mit ebenso dickem Preis ohne Namenregister herauszugeben.

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