Der Heros in tausend Gestalten

** Von Martin Maurach, Opava **
Also ein übermütiger junger Adliger zeigt einem Mädchen aus dem Volk vage sein Interesse, worauf sie sich an ihn hängt, nach ihm auf der Lauer liegt, durch ihr bloßes Dasein eine standesgemäßere Rivalin verprellt, von dem hohen Herrn darauf mit einer Peitsche geschlagen wird, aber von ihrer Anhänglichkeit nicht lassen will –, und da wird dann aus dem scheinbaren Grafen Wetter eher ein Woyzeck, der ihr die Kehle durchschneidet und Leiche und Messer in einen Teich wirft. Sie aber kommt aus dem Teich zurück und hilft noch vom Jenseits aus, ihren Mörder an den Galgen zu bringen. Denn schließlich dürfte Montague Rhodes James (1862-1936), Provost von Eton, hoch angesehener Philologe und Religionshistoriker, beim Schreiben seiner Ghost Stories of an Antiquary wohl weder Kleist noch Büchner, zumal in ihrer Muttersprache, gekannt haben. Sein großes literarisches Vorbild war Charles Dickens, und auch deshalb bietet er eine nicht völlig geist(er)lose Sommerlektüre. Unvergeßlich bei ihm die britische College-Atmosphäre um 1900, aus der die ganze Geisterwelt ein Höllengelächter über Credit Points, Rankinglisten und Bologna-Reformen anstimmen würde…
(Quelle: M. R. James: Martin’s Close, in: MRJ: Collected Ghost Stories. Hrsg. v. Darryl Jones. Oxford 2011, 179-196)

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