Der Pate und ein resches Weib

Vor mehr als zwei Jahren – die älteren Leser von Stimming’s Inn erinnern sich – wurden im Diskussionsforum von ›Ahnenforschung.Net‹ zwei Personen namhaft gemacht, die bei der Taufe der Albertine von Jungk in St. Marien, Frankfurt/Oder, am 3. August 1774 Pate standen. Bei der einen »handelt es sich zweifellos um Auguste Helene v. Massow«, Kleists Tantchen; wer aber war der andere Pate, ein gewisser »Obrist Wachtmeister v. Kleist«, fragte seinerzeit Forumsteilnehmer Johannes v.W. Ihm ist nun die Identifizierung gelungen. Der Gesuchte – anfangs wurde auch Kleists Vater in Erwägung gezogen – ist »Joachim Ruediger v. Kleist, * 1722, † Frankfurt a. Oder 7.10.1782, (zuletzt) Oberstleutnant im Infanterie Reg. Nr. 24 in Frankfurt a. Oder (v. Diringshofen, spaeter Hzg. v. Braunschweig), Herr auf Woldisch-Tychow, Ballenberg etc./ Kr. Belgard, Pomm.« http://forum.ahnenforschung.net/showthread.php?p=557945

Soweit so gut – für Stimming’s Inn nicht gut genug, befand jedoch die rühmlich bekannte Literaturdetektei Pabst, die für unser kleines Blog schon einmal den identifizierten Kleist (»am 20. Mai 1782 zum Oberstleutnant befördert«) ins Visier genommen hatte, und überließ uns großzügigerweise ein ganzes Bukett von Hinweisen zum nachmaligen durchaus illustren Erdenleben des Täuflings Albertine, aus dem hier einige mitgeteilt seien.

Kurz und bündig die Biographie im Online-Auftritt der Regestausgabe der Briefe an Goethe: »Waldow, Albertine von, geb. (von) Jungk (Junk), verw. von Kleist (1774-1854), Tochter des preußischen Diplomaten Johann Andreas (seit 1766:) von Jungk, 1792-1797 verh. mit dem Schriftsteller Franz Alexander von Kleist [24.12.1769-8.8.1797], seit 1800 [vor 15.12.1798] verh. mit dem preußischen Hauptmann ud späteren Major und Landmarschall Ferdinand Heinrich Thomas von W. auf Dannenwalde in Mecklenburg-Strelitz, um 1804 in Dannenwalde, führte um 1820 einen Salon in Berlin.« http://ora-web.swkk.de/goe_reg_online/regest.vollanzeige_bio?id=42449&p_lfdnr=0&s_par=wa&n_par=1
Älteren Datums die biographischen Angaben bei Petra Wihelmy: Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert (1780-1914). Berlin, New York: de Gruyter 1989, S. 883, und hier: http://www.luise-berlin.de/personen/w/waldow_albertine_von.htm

Albertines erste Ehe, mit Franz Alexander von Kleist, wurde am 10. oder 11. Januar 1792 geschlossen (Anke Tanzer: »Mein theurer zweiter Kleist«. Franz Alexander von Kleist [1769-1797] – Leben und Werk. Oldenburg: Igel 1998, S. 29). Kleists im folgenden Jahr erschienenes Buch Das Glück der Liebe (Berlin: Vieweg 1793) hat auf dem Titelblatt eine Abbildung der jungen Eheleute: http://www.portraitindex.de/documents/obj/34800542 – eine weitere Darstellung des Paars, zusammen mit zwei Kindern, hier: http://www.portraitindex.de/documents/obj/33903335/codip003342

Ende August 1802 wußte Caroline von Labes ihren beiden Enkeln, Achim und Carl Otto von Arnim, zu berichten: »Der Francforter Waldow hatt Dannenwalde bekommen, und ist schon mein Nachtbahr; er hatt die Wittwe Kleist zur Frau, ein wahres Natterkindt […].« (Ludwig Achim von Arnim. Briefwechsel 1802-1804. Hrsg. von Heinz Härtl. Tübingen: Niemeyer 2004, S. 86). Anderen erschien sie eher wie ein Naturkind mit reaktionärem (Varnhagen) Junkerstolz, »eine reich begabte Frau, nach Rousseau’schen Grundsätzen erzogen und in Rousseau’schen Ideen lebend […]. Praktischer Sinn und Rousseau’sche Natürlichkeit, Halten auf Stand und vornehme Sitte und Herablassung begegneten sich in der geistreichen […] Frau« (http://tinyurl.com/mvdsgrh).

Einen Eindruck von Albertine als Berliner Salonière vermittelt Wilhelm von Chezy im ersten Band seiner Erinnerungen, Helmina und ihre Söhne (Schaffhausen: Hunter 1863, S. 265f.): »Die alte Frau von Waldow war eine Frau von eigenthümlicher Art und Weise, ein resches Weib, um es Wienerisch auszudrücken. ›Resch‹ bedeutet scharf gebacken und ist der Gegensatz von ›knatschig.‹ Sie hatte in der Woche zwei feste Abende, und obschon stets sehr viele Leute kamen, hielt sie dennoch strenge Aufsicht, wenigstens über diejenigen, denen sie ihre Theilnahme zugewendet, für die sie sich ›intressirte‹ […]. Abseits vom Salon, wo man eine Tasse dünnen Thee und eine durchsichtige ›Klappstulle‹ erhielt, gab es ein kleines Zimmer, wo die Eingeweihten mit den Gaben neumärkischer oder pommerscher Landwirthschaft ergötzt wurden. Da gab es Spickgans (geräucherte Gänsebrust), Gansleberwurst, kalten Braten, geräucherten Lachs, Aal, Neunaugen oder sonstige Leckereien derber Art in Hülle und Fülle. Die Söhne des Hauses, Landjunker von Erziehung, Husaren von Beruf, pflegten mit einigen Kame[ra]den in diesem Dorado zu verweilen, selbst als einmal Rahel, Bettina, Helmina und Hedwig Stägemann im Salon beisammen waren.« http://tinyurl.com/l5ypqa2

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