Der Spürhund

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Man mag Bibliothekaren eine gewisse Neigung zur Pedanterie nachsagen. Zumal wenn sie es so weit gebracht haben wie seinerzeit Georg Minde-Pouet, wird ihnen unter der Hand ein Brief schon mal zur Akte.
Erstes Blatt und Grundlage der Collage ist ein Durchschlagbogen, mit dem Minde-Pouet am 25. März 1943 Herrn Dr. Will Sauer an seinen Dienstort in der damaligen Preußischen Akademie der Wissenschaften, Unter den Linden, ›vorlädt‹. Und zwar bitte mit Voranmeldung, da er »immer zahlreiche Besprechungen ausserhalb des Hauses habe«.
Unter Gruß (»Mit bester Empfehlung und Heil Hitler!«) und Unterschrift ist links ein handgeschriebener zweifarbiger Zettel aufgeklebt, offenbar von Sauer: »[…] verbindlichsten Dank für Ihren frdl Brief. Leider traf ich Sie nicht an […]« etc., datiert 3. April 1943. Daneben ein maschinenschriftlicher Vermerk Minde-Pouets, von Hand datiert und abgezeichnet, 12. April:
»Dr. Sauer war heute bei mir. Die Angelegenheit schwebt noch. Bis zu ihrem Abschluss lasse auch ich sie in der Schwebe.«
Warum das alles? Einen Hinweis gibt das angeheftete zweite und letzte Blatt der Collage: Eine Seite aus dem Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 36/37 vom 13. Februar 1943. Darauf eine »Bekanntmachung der Reichsschrifttumskammer – Gruppe Schriftsteller«: »I. Der Herr Präsident der Reichsschrifttumskammer hat […] die nachstehend aufgeführten Personen von der Mitgliedschaft ausgeschlossen bzw. ihre Aufnahme abgelehnt.«
Die letzten acht Worte sind unterstrichen, ebenso in der folgenden Liste Name und Adresse von Dr. Will Sauer, denen von Minde-Pouets Hand noch die Telefonnummer hinzugefügt ist.
Ordnung mußte eben sein, und der Ordnung halber sei nachgetragen, daß Sauer 1935 »Kreisamtsleiter für Kultur und Kreisobmann der NSKG [= Nationalsozialistischen Kulturgemeinde] im Kreis Osthavelland« gewesen ist und Minde-Pouet am 14. Juni jenes Jahres geschrieben hatte, »was in marxistischer Zeit deutschbewusste Männer durch ihre Gefolgschaftstreue zu Kleist für die Erhaltung wahren deutschen Kulturgutes geleistet haben und dass man in die stolze, grosse Bewegung Adolf Hitlers auch voll und ehrlich hineinwachsen konnte, ohne vom politischen Strassenkampf zu kommen.«
So ändern sich die Zeiten.
(Quelle: Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder])

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