Deutsche Mißverständnisse

»Auf dem Nachhauseweg fiel mir ein, daß sich eine Parallele ziehen ließe zwischen Brechts ›Maßnahme‹ und dem ›Prinzen von Homburg‹. In beiden Fällen geht es um den Konflikt zwischen Gehorsam und persönlicher Initiative, treu zum Kollektiv oder Treue zu sich selbst. Der eine hat sich im Krieg gegen die Disziplin der preußischen Armee vergangen, der andere gegen die Disziplin der kommunistischen Partei in ihrem Krieg gegen die bürgerliche Gesellschaft. Beide betrachten das Todesurteil, das über sie verhängt wurde, als ungerechtfertigt und lehnen sich dagegen auf. Beide finden sich schließlich damit ab und akzeptieren den Tod im Hinblick auf die Idee, der sie Treue geschworen haben – personifiziert einmal durch den Großen Kurfürsten als oberster Gerichtsherr und letzte moralische Instanz, im anderen Falle durch den Kontrollchor. Kleist und Brecht, zwei tragische deutsche Mißverständnisse, der eine hat Kant, der andere Marx mißverstanden. Der eine den kategorischen Imperativ, der andere die Theorie der klassenlosen Gesellschaft.« (Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten [Frankfurt am Main: Luchterhand, 1990], S. 195f.)

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