Die andere Seite (1)

** Von Martin Maurach, Opava **
Georg Minde-Pouet, bis 1945 größter Vorsitzender der Kleist-Gesellschaft aller Zeiten, war auf den deutschen Komponisten Hans Pfitzner (1869-1949) nicht eben gut zu sprechen: »flach schmettern wie einen Schweizerkäse« wollte er den »Musikus« 1937 wegen eines unterlassenen Dankes für die Ehrenmitgliedschaft in der Kleist-Gesellschaft und anderer Verfehlungen in den Solennitäten. So groß war die Wut, daß Minde-Pouet zitierenderweise gar das Käthchen mit der Herrmannsschlacht verwechselte.
Da scheint ein Brief Pfitzners an den damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring nicht uninteressant, verfaßt im Streit um einen »Ehrensold«, den Pfitzner nach der Entlassung aus seinem Lehramt an der Münchner Akademie der Tonkunst erhalten sollte: »Aber auch Ihren [= Görings] Brief vom 8. Januar 1935 an mich, der in Inhalt und Ton wie an einen Gauner gerichtet scheint, bewahre ich als Kulturdokument von unschätzbarem Wert und als Seitenstück zu dem Fußtritt, den ein Salzburger Bischof einst dem W. A. Mozart ungestraft erteilen durfte. Die Schande liegt aber nicht auf Mozart. Heil Hitler! Dr. Hans Pfitzner«.
Weiteren Recherchen muß es überlassen bleiben, ob Göring sich gegen den Vergleich verwahrt hat. Oder Mozart.
(Quellen: Minde-Pouet an Walter Vogel, 13. Dezember 1937; Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder]. – Walter Heynen [Hrsg.]: Deutsche Briefe des 20. Jahrhunderts. München: Dt. Taschenbuch Verl., 1962, S. 152f.)

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2 Kommentare zu Die andere Seite (1)

  1. H. Herrmann sagt:

    Einfach nur herrlich, Martin Maurachs tiefe Einblicke! Danke! (Mußte mal gesagt werden…)

  2. Martin Maurach sagt:

    Vielen Dank!

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