Die andere Seite (2)

** Von Martin Maurach, Opava **
1941 hätte ein gewisser Johannes Guthmann (1876-1956) die Kleist-Gesellschaft beinahe verklagt, weil er in Georg Minde-Pouets Bibliographie der eigenen Schriften und Reden fälschlich als Jude bezeichnet worden sei. Eine mögliche Erklärung für den Zorn dieses sonst ziemlich vergessenen Autors und Kunsthistorikers läßt sich aus einem Brief erschließen, den ihm Max Slevogt (1868-1932), Urheber eines Kleist-Portraits von 1911, am 31. August 1931 aus Aachen schrieb.
Slevogt habe für Guthmanns »Havel-Besitz in Neu-Kladow […] einst märchenduftige Fresken« geschaffen; na, wir sollten dem Herausgeber vielleicht auch nicht jedes Märchen glauben. Dem Brief zufolge verbindet Slevogt mit Guthmann ein gewisser Wagnerkult. Der Märchenduft verfliegt jedoch schnell mit Slevogts beiläufiger Bemerkung, daß sein »ungewollt[er] Plan«, nämlich die wechselnden Dekorationen im Bayreuther Festspielhaus durch eine dauerhafte Ausmalung zu ersetzen oder zu ergänzen, »ja wohl durch Parteianschluß zu erreichen wäre«. Kein Zweifel, daß beide Briefpartner wissen, welche Partei da gemeint ist: Sie sollte knapp anderthalb Jahre später, kurz nach Slevogts Tod, an die Macht kommen. Und kein Wunder also, daß Guthmann wenig amüsiert war, in Minde-Pouets Schriftenverzeichnis zehn Jahre später als Jude bezeichnet zu werden.
(Quellen: Walter Heynen [Hrsg.]: Deutsche Briefe des 20. Jahrhunderts. München: Dt. Taschenbuch Verl., 1962, S. 135f. – Eva Rothe [Hrsg.]: Schriften und Reden von Georg Minde-Pouet. Eine Bibliographie. Georg Minde-Pouet zum 70. Geburtstag am 5. Juni 1941 dargebracht von der Kleist-Gesellschaft. Leipzig: Poeschel & Trepte, 1941)

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