»Die eigne Meinung an den Nagel hängen«

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Von dem Dramatiker und Prosaisten Stefan Schütz (geb. 1944 in Memel) gibt es nicht nur ein Kohlhaas-Drama (1978), sondern auch ein erstmals 1981, kurz nach seiner Übersiedlung von der DDR in die Bundesrepublik erschienenes Kleistfragment. Möglicherweise spiegelt dieses eine Grenz-Situation aus Zeiten, in denen niemand eine deutsche Vereinigung vorausahnte.
Ferbell und Ludrika – ein martialisches Halbgeschwisterpaar? – wandern rastlos durch eine unbestimmte »Landschaft«. Beide sprechen eine bilderreiche, leicht rhythmisierte, vom Duktus her moderne, im Wortschatz mit der Kleist-Zeit kompatible Sprache. Zu einer von Ferbell abrupt vorgeschlagenen erotischen Begegnung kommt es nicht; der Mann wandert weiter, während Ludrika zurückbleibt, um auf irgendetwas zu warten.
»Kleistisch« mögen das Ausgestoßensein und die existentielle Ungewißheit wirken, die beide Figuren durchleiden, das Ineinander von unbefriedigter Lebensgier und Todessehnsucht, die erzählte und phantasierte Gewalt, die ins Bild der Marionette gekleidete Unfreiheit. Das Vermissen von ›Andersdenkern‹, der in Medien und Wirtschaft herrschende Opportunismus, die Unwirtlichkeit einer zerstörten Umwelt lassen in der Rückschau am ehesten eine Skizze der beginnenden 1980er Jahre erkennen.
Als Quelle nicht nur für Kleist-Reduktionen gut: Karlheinz Braun (Hrsg.): MiniDramen. 111 Stücke von 111 Autoren. Frankfurt a.M.: Verlag der Autoren, 1987, S. 87-92.

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