Die spinnen, die Sirenen!

»Nach einem wüthigen Sturm im Jahr 1740, der die holländischen Dämme von Westfriesland durchbrochen hatte,« heißt es in dem von Kleist bearbeiteten Artikel Wassermänner und Sirenen (Berliner Abendblätter, 5./6.2.1811), »fand man auf den Wiesen eine sogenannte Sirene im Wasser. Man brachte sie nach Harlem, kleidete sie und lehrte sie spinnen. Sie nahm gewöhnliche Speise zu sich und lebte einige Jahre. Sprechen lernte sie nicht, ihre Töne glichen dem Ächzen eines Sterbenden. Immer zeigte sie den stärksten Trieb zum Wasser.« – Bei Borges, falls es sich um die Nämliche handelt, ist sie gut 300 Jahre schon früher an Land (Einhorn, Sphinx und Salamander. Buch der imaginären Wesen. München, Wien 1982, S. 121): »Eine andere [Sirene] schlängelte sich 1403 durch die Bresche eines Deiches und lebte bis zu ihrem Tode in Haarlem. Niemand verstand sie, aber man lehrte sie die Kunst des Spinnens, und sie verehrte – wie einem Naturtrieb gehorchend – das Kreuz. Ein Chronist des 16. Jahrhunderts folgerte, sie sei kein Fisch gewesen, weil sie spinnen konnte, und sie sei keine Frau gewesen, weil sie im Wasser leben konnte.«
(gefunden bei Monika Schmitz-Emans: Seetiefen und Seelentiefen. Literarische Spiegelungen innerer und äußerer Fremde. Würzburg 2003, S. 14f. u.ö.)

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