Dorfrichter Kaduk?

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Manchmal scheinen Kleist-Bezüge ein Kind der Zeit und ihrer Interpretationsvorlieben zu sein, fern der Absicht des ursprünglichen Autors. Da ist Horst Krügers noch immer lesenswerter Bericht über den Frankfurter Auschwitz-Prozeß von 1964. Unter den Angeklagten, deren gutbürgerlich-harmloses Aussehen ihn erschreckt und verwirrt, weil »man sie natürlich nicht unterscheiden kann von uns allen«, macht er schließlich auch Oswald Kaduk aus, 1965 zu lebenslanger Haft verurteilt als laut Gericht »einer der grausamsten, brutalsten und ordinärsten SS-Männer im KZ Auschwitz« (Ernst Klee).

Vier Jahrzehnte später liest sich das so: »Kaduk, so Krüger, versuche in Frankfurt die Hauptrolle des straffällig gewordenen Dorfrichters mit verweigertem [sic!] Gedächtnis zu geben: ›Er ist nur der alte Adam, der sich an nichts mehr erinnern kann.‹« (Marcel Atze)
Das Binnenzitat stimmt. Allerdings ist bei Krüger nirgends von Kleist und schon gar nicht von einem Dorfrichter die Rede. Krüger greift vielmehr direkt auf die Bibel zurück, wenn er bei den Angeklagten vergeblich nach Anzeichen für Reue, für einen »Tod des alten Adam« sucht.

Man könnte sich fragen, ob Atzes »Dorfrichter«-Vergleich nicht ungewollt einen der schlimmsten KZ-Schlächter verharmlost. Andererseits macht es gerade die Qualität von Krügers Analyse aus, an den »kleinen Privatbestialitäten, die sozusagen im Vorübergehen und außer Dienst geschahen«, den Typus des guten Bürgers und eiskalten Mörders in einer Person zu erkennen. Insofern das spaltbare Gewissen im korrupten Dorfrichter seinen Ursprung haben könnte, wäre dann Atze doch wieder Recht zu geben. – »Nein, es ist wirklich nicht weit her mit dem Gerücht, hier würde in einer neuen Welle der Justiz Entnazifizierung betrieben, hier suche man späte Sündenböcke, späte Rache an der SS, Hexenjagd auf kleine Nazis«, so Krüger übrigens bereits 1964. Unterstützen wir also gegen ähnliche Scheinargumente die ›Operation Last Chance‹ des Simon Wiesenthal Center zur Ermittlung noch in Deutschland lebender Täter aus den Konzentrationslagern.

(Quellen: Horst Krüger: Im Labyrinth der Schuld. Ein Tag im Frankfurter Auschwitz-Prozeß, in: Der Monat 16 [1964], H. 188, S. 19-29. – Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? Frankfurt a.M.: Fischer 2003, S. 294. – Marcel Atze: »Ich will nur dasitzen und zuhören, zusehen und beobachten.« Horst Krüger im Auschwitz-Prozess, in: Stephan Braese [Hrsg.]: Rechenschaften. Juristischer und literarischer Diskurs in der Auseinandersetzung mit den NS-Massenverbrechen. Göttingen: Wallstein 2004, S. 117-130, hier 126)

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