Ein mattes Käthchen

** Von Arno Pielenz, Cottbus **
Georg Brandes macht in den Kleist-Passagen seiner Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts (Berlin: Reiß 1924, 3 Bde., hier: Bd I S. 372) auf eine Käthchen-Verwandte aufmerksam: »Nach Kätchens [sic] Bilde hat Henrik Hertz in Svend Dyrings Haus eine zartere und mattere Schilderung einer allüberwältigenden, unerwiderten Leidenschaft geformt.« Anlaß und Anreiz, sich diese »Romantische Tragödie« (Henrik Hertz: Gesammelte Schriften. Zweiter Theil. Leipzig: Lorck 1848) doch einmal anzusehen. Sie bot dann auch höchst vergnügliche Lektüre und in der Tat einige Käthchen-Versatzstücke.
Auch hier wird durch mystische Kraft eine Frau dem Geliebten untertänig: Ragnhild fängt einen mit Runen geritzten Apfel auf (das ist dann wohl das »dänisch-nationelle« Element, von dem der Übersetzer F. A. Leo im Vorwort spricht), der die Fangende dem werfenden Ritter verfallen läßt. Nur: Der Apfel war eigentlich einer anderen, ihrer Stiefschwester Regisse zugedacht, die – gemeinsam mit ihren kleineren Brüdern – der Tyrannei ihrer Stiefmutter unterworfen ist, die allerdings durch die Mitgift den bankrotten Ritterhaushalt gerettet hat und sich nun in Fehde sieht um ein Feld mit einem anderen Ritter, der durch die Heirat mit Ragnhild besänftigt werden soll. Die liebt ja aber nun den Apfelwerfer, läuft ihm nach, liegt ihm zu Füßen, liegt schlafend unter einem Busche, will Regisse vergiften, stirbt dann aber lieber selbst, und Regisse bekommt ihren Ritter auch ohne Obstverzehr.
Dazu Engel und Geistererscheinungen, der Wechsel von Vers und Prosa, der geplante nächtliche Überfall auf das Schloß – also, der Hertz (1798-1870) hat sein Käthchen wohl gelesen.

Wißt denn, ein Mann kann durch Runen verführen
Zur Liebe, und den strengsten Willen rühren.
Und das Mädchen, dem er die Runen geschrieben,
Das muß ihn ewig und immer lieben.
Und wollt’ bis an’s Ende der Welt er reiten,
Sie würde ihm folgen, sie würd’ ihn begleiten;
Und wollt’ er verschließen durch Riegel sein Thor,
Sie käm’ in der Nacht doch, und klopfte davor;
Und trät’ er dann noch nicht zu ihr hinaus,
Dann zög’ aus dem sie die Nägel heraus.
Und doch ist sie züchtig, verschämt und rein,
Nur
ein Gedanke erfüllt sie allein –

Und beinahe kommt Hertz bis zur Penthesilea: »Liebe und Haß / können nimmer getrennt sein – bedenke Das!«

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