Eine erstaunliche Oper

Aus dem Bericht von Carl Klingemann über ein »Großes Vokal- und Instrumental-Konzert« (Berliner Schauspielhaus am 13. August 1827) in der Berliner allgemeinen musikalischen Zeitung (15.8.1827, Nr. 33, S. 266):
»Es hat aber der gütige Himmel noch mancherlei Musik wachsen lassen, wovon der eine und der andere sich nichts träumen läßt, und er hat Komponisten geboren werden lassen, die nicht in die Nischen hineinkommen; z. B. Göthe und Heinrich von Kleist. Der letztere hat besonders eine erstaunliche Oper geschrieben: das Käthchen von Heilbronn; er hat Musikstücke hineingebracht, von denen mir die Augen in alter seliger Rührung übergehen. Ach die Flöte, die vor ein paar Tagen das Käthchen spielte, war gar zu sanft und lieblich! Ich wollte, du vielverkannter und vielgeprüfter Komponist hättest aus deinem himmlischen Paradiese herab in das irdische Paradies des Berliner Schauspielhauses steigen können, und hättest neben mir die Flötentöne erklingen hören, in denen die Worte Käthchens zu uns her säuselten, die Modulationen, in denen sie ›mein hoher Herr‹ – ach geh! – Was! du bemühst dich mir? – sprach, diese Musik hätte manche tiefe Schatten erhellt, die die trübe Erde für dich hatte. Ich hätte meine heißen Wangen an deinen eisigen abgekühlt, und du wärest warm dabei geworden, du kalter Schatten! die heißen Logen hätten das Übrige gethan. Aber still, daß es keiner hört, sonst bringen sie’s in ein Konzert, und das liebreizende Käthchen muß sein süßes Herzensgeheimniß als Arie hersingen! […]
Viel hätte ich aber mit Dir in den Zwischenakten zu reden gehabt, Du stiller Kleist, denn sie hatten deiner ätherischen Musik die Fetzen einer körperlichen angehängt, aus denen ich mir das nächste Mal ein Paar Stiefeln machen lasse. Aber du hättest sie wohl ohnehin in seliger Befangenheit nicht gehört.«

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