Elfter Elfter elf Uhr elf

** Von Martin Maurach, Opava **
Wolfgang Bächler (1925-2007), der sich stets zwischen allen Stühlen sah, diagnostiziert eine schwere »Theaterkrise«:
Der Prinz von Homburg brachte einen Humpen
Bier aus der Kulisse und erschöpft vom Twisten
sank auch Antigone zu Boden, nippte am Bier
und legte einen Strang von blauer Wolle
um die Handgelenke des Preußenprinzen,
um sie strickfertig aufzuknäueln.

Dieser Bestrickungsversuch verknüpft wohl durchaus verwandte Seelen, vergleichen Germanisten doch mit Vorliebe, auf welche Weise beide Figuren wider die obrigkeitliche Stricknadel, vielmehr den Stachel löcken. Beschrieb Bächler sich selbst als »Deutscher ohne Deutschland« und das KLG (2007) ihn als »jüngstes Gründungsmitglied der Gruppe 47«, so findet sich neben dem an Verzweiflung grenzenden Ernst der meisten Gedichte und Geschichten des heutzutage viel zu wenig bekannten Autors immer wieder auch grotesker Humor:
Jeanne d’Arc, die von Don Carlos, Hamlet, Faust
und auch vom Käthchen von Heilbronn Verschmähte,
bat den Jago, sie auf der Stelle zu ermorden.

Eine unglückliche lesbische Werbung der heiligen Johanna um Kleists Käthchen? Die Krise löst sich dann aber doch unblutig auf. Johanna ist »am nächsten Morgen« lediglich »keine Jungfrau mehr«, und »nur die modernen Dichter / schliefen noch immer in den dunklen Logen«, haben das Wesentliche also wohl verpaßt.
(Quelle: Wolfgang Bächler: Theaterkrise, in: Die Meisengeige. Zeitgenössische Nonsensverse, gesammelt und herausgegeben von Günter Bruno Fuchs. Frankfurt a.M.: S. Fischer 1968, S. 155-157)

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