Erst bombardieren, dann bibliographieren

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Alfred Richard Meyer (1882-1956), in ungefährlichen Zeiten Expressionist, unter dem Nationalsozialismus Kulturfunktionär, ›meldete‹ sich am 26. März 1943 als Mitglied der Kleist-Gesellschaft ›an‹ – und wurde von Georg Minde-Pouet am 4. April gleich »zum Mitgliede des Beirats« ernannt, weil der Vorsitzende sich von ihm eine besonders ›förderliche‹ Mitarbeit versprach.
Wissenschaftlicher Ehrgeiz zumindest ist Meyer nicht abzusprechen: »[…] wo sind in Holland die Urschriften [Jakob] Böhmes? Das sollte jetzt doch wohl zu ermitteln sein«, schreibt er, in Berlin ›ausgebombt‹, am 22. Januar 1944 aus der Nähe von Görlitz. Wozu sollte man schließlich ein Land besetzen, wenn nicht zur gründlichen Lokalisierung – und zum Raub – von Quellen. Resigniert fügt er allerdings hinzu: »Aber wahrscheinlich liegt die Sache genau so wie mit Kleist in Paris.« Also Faust im Tornister, nicht aber Minde-Pouets Briefausgabe, das geht gar nicht.
Im übrigen beklagt Meyer, der Luftminen-Angriffe auf Wohnungen zynisch als ›Durchpusten‹ bezeichnet, hauptsächlich die Kriegsverluste von deutschen Bibliotheken und Verlagen: »[…] wahrscheinlich werden Bücher Kostbarkeiten wie nach dem Dreissigjährigen Krieg werden«; und genauer: »Die Deutsche Bücherei hat an 200 000 Bände verloren. […] Inselverlag und Reclam hin, Teubner, Barth, Thieme, Brockhaus, Bibliographisches Institut«, so am »27. Dezember 1943 abends«. –
Zu erwähnen wäre noch, daß es z.B. auch in Rotterdam Bücher gegeben haben dürfte, ebenso wie in London und Coventry.
(Quelle: Teilnachlaß Minde-Pouet, Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin, z. Zt. im Kleist-Museum Frankfurt [Oder])

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