Fatal attraction

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
In Vladimir Nabokovs Erzählung Der Ehrenhandel, 1927 in Berlin entstanden, ist von einer Waldlichtung am Wannsee die Rede, auf der ein Pistolenduell ausgetragen werden soll, das dann aber doch nicht stattfindet. Einen solchen Duellplatz hat es im 19. Jahrhundert tatsächlich gegeben, »nicht weit von dem Stimmingschen Gasthofe und dem Kleistschen Denkmale« entfernt (Julius Graf von Wartensleben: Nachrichten von dem Geschlechte der Grafen von Wartensleben. Zweiter Theil: Biographische Nachrichten. Berlin: Albert Rauck 1858, S. 285). Bis in die 1950er Jahre markierte ein ›Duellstein‹ in der Bergstraße Nr. 6 seine frühere Lage. Der Sandsteinkubus trug die Inschrift »Graf Leopold von Wartensleben, geb. 7. April 1818, fiel hier im Zweikampf den 5. Mai 1846« und war für Spaziergänger, vom Kleist-Grab zu Fuß in weniger als 15 Minuten zu erreichen, nicht zu übersehen (zu Nabokovs amourösen Ausflügen an den Wannsee siehe Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899-1940. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1999, S. 302).

Der Name Kleist begegnete Nabokov zwischen September 1921 und Oktober 1923 übrigens ständig: Seine Familie wohnte damals bei einem Generalleutnant a.D. Paul von Kleist (1846-1926) im Berliner Stadtteil Wilmersdorf, Sächsische Straße Nr. 67, 4. Stock, zur Untermiete. Was er jedoch – und wann – von Heinrich von Kleist aus eigener Lektüre kannte (die Hauptfigur des Romans Das Bastardzeichen [1947] trägt den Namen »Adam Krug«!), ist unklar.

Für die Bemerkung in seiner Autobiographie (1966), Kleist sei – fast so etwas wie ein früher Humbert Humbert – »leidenschaftlich« in die 12jährige Tochter von Elisabeth von Staegemann verliebt gewesen (http://www.stimmings-inn.de/waschtag-bei-staegemanns/), berief der Lolita-Autor sich auf eine ominöse »german source«. Diese deutsche Quelle war, wie wir durch Dieter E. Zimmer wissen, Karl Hans Hintermeier (1911-1974), bis 1969 Vertriebschef und einer der Geschäftsführer des Rowohlt-Verlags. Aber woher hatte Hintermeier seine Information (oder das, was er dafür hielt) über Kleists Gefühle für Elisabeths Tochter Hedwig von Staegemann (1799-1891)?
»Es scheint, daß der Dichter eine Zuneigung zu dem früh entwickelten geistvollen Mädchen gefaßt hätte, denn noch am Tage bevor er mit Henriette Vogel die verhängnisvolle letzte Reise antrat, war er bei Staegemanns erschienen und hatte die Tochter zu sehen verlangt. Er war abgewiesen worden und gegangen, um nicht zurückzukehren […].« So stellt es Ernst von Wildenbruch in seinem Nachruf auf die spätere Hedwig von Olfers dar – in der Fassung, die in Bd. 16 seiner Gesammelten Werke, herausgegeben von Berthold Litzmann (Berlin: Grote 1924, S. 80f.), abgedruckt ist. In der (›veranständigten‹) Version, die Helmut Sembdner in seine Lebensspuren übernahm, wurde Kleists fatal attraction umgelenkt, von der minderjährigen Tochter auf die Mutter.

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