Freund und Kupferstecher

** Von Reinhard Pabst, Bad Camberg **
In der weltweit größten in Privathand befindlichen Petrarca-Sammlung, der unfaßbar reichhaltigen ›Biblioteca petrarchesca‹ des Kölner Bibliophilen Reiner Speck, zeigte mir der Hausherr bei meinem ersten Besuch im Frühjahr 2010 die berühmte, von Goethe besprochene ›Prachtausgabe‹ Le Rime del Petrarca (Padua: Tipografia della Seminario 1819/1820), an der mich besonders die Bildbeigaben interessierten.
Die Illustrationen, etwa eine »Ansicht von Vaucluse unweit Avignon, wo Petrarca die meisten, dem Lob der Laura und seiner Liebe gewidmeten Sonnette schrieb« (Goethe), stammen nämlich vor allem von »Sig[nore] Federico Lose di Milano«, dessen Talent als »intagliatore [Bildschnitzer] all’acqua tinta« der Herausgeber Antonio Marsand mehrfach hervorhebt (Bd. 1, S. 356 und 364, ferner S. 366 und 372. Auch der Rezensent des Stuttgarter Literatur-Blatts Nr. 7 vom 23. Januar 1821, S. 28, rühmte die »Vorzüglichkeit der Arbeit«).
Dabei handelt es sich um niemand anderen als Kleists Künstler-Freund Friedrich Lose. Lose (1776-1833) und seine Frau Karoline geb. von Schlieben (1784-1837) werden neuerdings sehr viel mehr von italienischen Kunst- und Regionalhistorikern beachtet als von deutschen Kleistianern (kleine Literaturauswahl: Hermann F. Weiss: Zu Heinrich von Kleists Reise nach Paris im Jahre 1801. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 227 [1990], besonders S. 2f.; Valentina Squara: Federico e Carolina Lose. In: Grafica d’arte, No. 58, Aprile-Giugno 2004, S. 9-12; Franco Monteforte: Nel segno di Kleist. I coniugi Lose e il paesaggio romantico lombardo. In: Notiziario della Banca Popolare di Sondrio, No. 119, Agosto 2012, S. 74-87). Sein Nachlaß soll angeblich von Loses ebenfalls künstlerisch tätigem Sohn Federico Spiridione (1809-1874) an den Sammler Carl Meinert in Dessau (später in Frankfurt a.M.) gelangt sein und ist offenbar seither verschollen. Es scheinen aber nach wie vor – unerreichbar – in italienischem Familienbesitz Ölgemälde und/oder Aquarelle von Friedrich Lose zu existieren. Was gäbe man darum, an eventuell noch vorhandene Zeichnungen und Skizzen von ihm aus den Jahren seiner konfliktuösen Freundschaft mit Kleist heranzukommen!
KarolineSchlieben_Madonna del Monte
Ein schwacher Trost mag diese Ansicht des 867 Meter hohen Wallfahrtsorts Madonna del Monte bei Varese sein, den Kleist mit Lose, Ernst von Pfuel und dem Ehepaar von Werdeck vermutlich am 25. August 1803 besuchte: »[…] war es diese Gesellschaft, und dieser Ort, dieser wunderschöne Ort, vielleicht auch der Genuß der gewürzreichen Weine, und der noch gewürzreicheren Lüfte dieses Landes: ich weiß es nicht; aber Freude habe ich an diesem Tage so lebhaft empfunden, daß mir diese Erscheinung noch jetzt, bei dem Kummer, der mir zugleich damals fressend an’s Herz nagte, ganz verwundrungswürdig ist.« (Kleist an Henriette von Schlieben, 29. Juli 1804)
Der Stich von Karoline Lose (nach einer Zeichnung ihres Mannes), die von der Kritik für ihre »ausnehmende Sorgfalt«, »elegante Manier des Landschaft-Malers« und »meisterhafte Ausführung« gelobt wurde, entstand nur wenige Jahre nach diesem Besuch (vgl. Kupferstecherey in Mailand. In: Kunst-Blatt Nr. 2, 6. Januar 1823, S. 6, sowie Artistisches Notizenblatt Nr. 14, 31. Juli 1823).
* Abbildung: http://www.cslinsubria.it/images/Iconografia_SacroMonte_Vedute/02-Madonna%20del%20Monte.jpg

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