Ganz anders als bei Shakespeare

Heiner Müller im Gespräch mit Olivier Ortolani (1990):
»Ich glaube, daß ein Stoff nicht unbedingt eine Wahl ist. Man kann sich nicht vorstellen, daß Büchner dagesessen hat und einen Stoff gesucht hat. Er hatte über diesen Gerichtsfall gelesen, und dann hat er sein Stück geschrieben.
Es hat auch damit zu tun, daß in Deutschland das Verhältnis zwischen Stoff und Form immer sehr problematisch war. Kleist zum Beispiel hat nie – außer vielleicht bei ›Penthesilea‹, aber auch da ist es ein Gewaltakt – den Stoff gefunden, der adäquat war zu dem, was er sagen wollte. Es gab immer eine Diskrepanz zwischen Stoff und Form. Ganz anders als bei Shakespeare, der eine nationale Geschichte hatte als Voraussetzung. Es gab in Deutschland keinen nationalen Stoff, weil es keine Nation gab. Das war in Frankreich auch wieder anders. Da gab es eine Nation, deshalb gab es die Möglichkeit, mit antiken Modellen nationale Stoffe zu erzählen. Das gab’s in Deutschland aber nie.« (H. M.: Georg Büchner. Die Verweigerung des Überblicks, in: H. M.: Gespräche 2. 1987-1991. [Werke XI]. Hrsg. v. Frank Hörnigk. Frankfurt a.M. 2008, S. 791)

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