Gleichviel

** Von Bonaventura **
In seinem 1931 erschienenen Roman Junge Frau von 1914, dem zweiten Teil seines sechsbändigen Zyklus zum Ersten Weltkrieg Der große Krieg der weißen Männer, läßt Arnold Zweig seine Protagonistin Lenore Wahl, gute Tochter aus einem jüdischen Bankiershaus, als Folge einer Vergewaltigung durch ihren Geliebten Werner Bertin, der zu der Zeit als einfachster Soldat Dienst tut, schwanger werden. Da ihre Eltern gegen die Verbindung mit Werner sind, entschließt sich Lenore, das Kind abtreiben zu lassen, was 1915 schon rechtlich keine kleine Angelegenheit war. Für Lenore ist erstaunlicherweise aber weniger die Vergewaltigung das Skandalon als vielmehr Werners Weigerung, für einige Tage von Militärdienst zu desertieren und sich um die in einer privaten Klinik liegende Lenore zu kümmern.
Noch geschwächt von dem Eingriff entwickelt Lenore eine Haltung, die sie für sich in dem Wort gleichviel zusammenfaßt: »Gleichviel – dies wurde ihr Lieblingswort. Es stammte von Kleist, ihrem Lieblingsdichter, es drückte verschleierten Trotz aus, Freiheit und Gleichgültigkeit gegen das Schicksal. Sie begann wieder zu lesen: als erstes seine ›Marquise von O.‹, ›Das Erdbeben in Chile‹, andere kurze Erzählungen;« (Arnold Zweig: Junge Frau von 1914. Berlin: Aufbau, 13. Aufl. 1967, S. 142). – Was sonst böte sich als Lektüre für eine militärisch Vergewaltigte an?

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