Goethe : Kleist = 4 : 8

** Von Arno Pielenz, Cottbus **
So viele Spalten nämlich, vier und acht, gesteht das Handbuch für den Deutschunterricht (hrsg. von R.[udolf] Murtfeld. Langensalza, Berlin, Leipzig: Beltz [1938]. 2 Bde.) den beiden Dichtern zu. Kleist ist damit der am ausführlichsten behandelte Autor, selbst Hitler bekommt nur den Goethe-Umfang.
Das Handbuch erlebte keine große Auflage, der Krieg veränderte sicherlich auch den Blick auf den einen oder anderen Sachverhalt. Insbesondere dürften die hier schon fiesen Darlegungen zur »Judenfrage« wenig später als noch zu human erschienen sein. Aber das Handbuch kam in die Hände der Multiplikatoren, das in ihm gebotene Wissen und Unwissen ging verstärkt in die Köpfe und Herzen der Schüler. (Versteht sich, daß auch in diesem Lexikon Kluges steht, da etwa, wo man sich auf sprachgeschichtliche Zusammenhänge konzentriert.) Aber nun zu Kleist:
Das Lemma beginnt mit einer Schilderung des Gewölbe-Erlebnisses in Würzburg und Kleists Gleichnis in Brief und Dichtung: »Das ist der ganze K., der tapfere K. […] Wie war es möglich, daß dieser Dichter, der unserm Herzen heute so unendlich viel bedeutet, so lange Zeit im Dunkeln gestanden hat?« Zurückgeführt wird das auf die lange fehlende »Gleichheit des Erlebnisses«, die auch einen »Führer« wie Schiller in eben dieser Eigenschaft ungewürdigt ließ.
Kleist habe von Kindheit an nach »Sinn« und »Aufgabe« seines Lebens gesucht und mit »Schrecken« festgestellt, daß niemand – auch die Religion nicht – ihm Antwort geben könne. Auch die Philosophie ließ ihn allein. So geschieht dann bei Kleist das »Großartige: Er reißt den Stern vom Himmel und nagelt ihn auf seine Standarte«. Dieser Stern war »sein Gefühl«. Es lenkt Alkmene sicher durch die göttlichen Anmutungen, führt Käthchen an die Seite des Grafen und Penthesilea zu Achill. Nie werde der bewußte Mensch die Unbeschwertheit der Marionette erreichen. Wer zu seinem Gefühl finde und steht, der finde zu sich selbst wie die Marquise von O…. So auch in der Familie Schroffenstein, in der die Kinder der verfeindeten Familien in ihrem Gefühl zueinander geleitet werden, so auch in der Verlobung und im Zweikampf – Gefühl und Vertrauen lenken und deuten richtig.
So weit, so gut. Der Lexikonartikel stammt von Ernst Beutler (1885-1960), von dem man eigentlich den Goethe-Text hätte erwarten sollen. Er schrieb ihn 1937, im gleichen Jahr, als er von den NS-Behörden entlassen wurde. Vielleicht um dem Druck etwas auszuweichen, wird Kleist nun als »unser größter vaterländischer Dichter« gewürdigt, der Schriften schuf »wie aus Erz gegossen und schnittig wie Stahl«. Alle Glut werde jetzt »fanatischer Haß und fanatischer Glaube«.
Insgesamt aber doch ein Text, den man nicht rundum verdammen kann; für ein Unterrichtshandbuch stark erzählerisch aufgearbeitet – aber das liegt wohl mehr an Beutler als am Herausgeber Murtfeld.

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