Grenze verwischt

Essay von Matthias Hennies im Deutschlandfunk zum Thema »Was der Umgang mit Armen und Fremden verrät«:
»Vor allem Malerei und Literatur vermögen soziale Randbereiche viel subtiler auszuleuchten als Gesetzestexte oder Armutsstatistiken. Zum Beispiel das zwiespältige Verhältnis zu Roma und Sinti: Sie gehören seit Jahrhunderten zur mitteleuropäischen Gesellschaft, waren jedoch immer als ›Zigeuner‹ abqualifiziert und nie integriert. Diese Ambivalenz spiegelt sich in Caravaggios Gemälde ›Die Wahrsagerin‹ ebenso wie in Kleists Erzählung ›Michael Kohlhaas‹, sagt [Iulia] Patrut [Sonderforschungsbereich »Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart«, Universität Trier]:
›Wo eine Zigeunerin dargestellt wird, die in die Geschicke der Königshäuser eingreift, die ein Wissen über deren Genealogie besitzt.‹
Und die mit diesem ›Insiderwissen‹ eigentlich zur Gesellschaft dazugehört. Sie wird aber als alt, krank und zerlumpt beschrieben – typische Attribute einer exkludierten Randgruppe. Der Autor beschreibt diesen Widerspruch und geht noch weiter. Kohlhaas beobachtet, wie sehr die ›Zigeunerin‹ seiner verstorbenen Frau ähnelt:
›Nicht nur, dass die Züge ihres Gesichts, ihre Hände, auch in ihrem knöchernen Bau noch schön, und besonders der Gebrauch, den sie im Reden davon machte, ihn auf Lebhafteste an sie erinnerten: Auch ein Mal, womit seiner Frauen Hals bezeichnet war, bemerkte er an dem ihrigen.‹
Die Alte gleicht Kohlhaas’ Ehefrau so stark, dass die Grenze zwischen außenstehenden ›Zigeunern‹ und ›Deutschen‹ verwischt. Kleist hebt die Gemeinsamkeiten hervor, so Iulia Patrut, und kritisiert damit den Ausschluss der ›Zigeuner‹ aus der Gesellschaft seiner Zeit.« http://www.deutschlandfunk.de/schwerpunktthema-wer-nicht-arbeitet-soll-auch-nicht-essen.1148.de.html?dram:article_id=281732

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