Hebbel wird 200

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Sollte man wünschen, daß auch den Dichter Friedrich Hebbel selbst nur die Unverschämtheit oder die Dummheit zu loben wagte? So jedenfalls sagte er es von Kleist, dem großen Vorbild – und doch: Wie vielen fällt heute noch viel zu Hebbel ein? Vergessen, Verdrängung verdiente er zuallerletzt. Deshalb sei ihm ganz ohne ›gehorsamstes Adjektiv‹ zum Zweihundertsten gratuliert mit einigen Zitaten aus den Tagebüchern, denen vor der Absurdität des Bürgertums schon graute, als dieses noch auf die Revolution hoffte.

Kurzdialog des geborenen Tragikers für Kleist und Henriette Vogel:
»Zum Kleist: ›Ich will dich töten, ja, aber unter einer Bedingung! (er will ihr sagen, daß er gleich nachher sich selbst töten muß.) Doch nein, ich tus ohne eine Bedingung.[‹] (weil das andere unedel wäre.)«
Interessant die Beiseite. Bedeutet »ohne eine Bedingung« denn die Erwägung, auf die Selbsttötung zu verzichten? Und das wäre edel?

Im dreißigsten Todesjahr, 1841, offenbar geschult am dialektischen Denken seiner Zeit:
»Bei Gelegenheit von Kleist: ich wüßte nicht, was den Menschen in diesem öden, nichtigen Dasein noch trösten könnte, wäre es nicht eben die Einsicht in die Nichtigkeit dieses Daseins selbst.«

Und schließlich über sich selbst, in einem Brief an Eduard Janinsky (1805-1876) vom 20. Januar 1843:
»[…] ich muß der Welt ein viel größeres und mir selbst ein viel geringeres Recht einräumen, wie je zuvor, und das in einem Augenblick, wo ich ihr lieber fluchen, als mich ihr beugen mögte; es ist ebenso, als ob einer in dem Moment, wo er ermordet zu werden glaubt, sich überzeugt, daß ein gerechter Richterspruch an ihm vollzogen wird.«

Quelle: Friedrich Hebbel: Tagebücher. Hrsg. v. Karl Pörnbacher. 3 Bde. München: dtv 1984; hier: Bd. 1 (1835-1843), S. 528, 423, 525.

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