Heinrichs Studentenzeit in Frankfurt (Oder)

** Von Arno Pielenz, Cottbus **

Heinrich berichtet:

Die Vorlesungen der Professoren begannen. Ich saß mit unverdrossenem Fleiße zu den Füßen, nicht nur der Meister in der Gottesgelahrtheit, sondern auch der Jurisprudenz und Weltweisheit. […] Mit übertriebnem Fleiß arbeitete ich vom Morgen bis zum Abend, nicht nur aus eigner Lust, sondern aus Furcht und Einbildung, daß ich von allen Studierenden wohl der unwissendste sein möchte. Denn keiner von ihnen hatte gleich mir zwei Jahre verloren, die dem Unterricht hätten angehören sollen. […]
Im Schiffbruch alles Meinens, Glaubens und Willens klammerte ich mich zuletzt noch an das Notbrett, welches damals der »Weise von Königsberg« ausgeworfen hatte. Es erhielt mich kaum über dem chaotischen Abgrund der Wellen. […] »Muß ich also ganz auf das Erkennen des Wichtigsten für mich verzichten?« sagt’ ich zu ihm. »Reicht die Vernunft nur für den Hausbedarf der menschlichen Gesellschaft zu, keinen Zoll darüber hinaus? Warum hat unser Geist den brennenden Durst nach Wissen empfangen und zugleich das Unvermögen, ihn zu löschen?«[…]
fehlte wenig, ich wäre in die Werkstatt eines Malers, Schneiders, Schusters und dergleichen übergelaufen. […]
ward ich zu Frankfurt auch in die Mysterien des Maurertums eingeweiht, wobei der gelehrte Verfasser des Horus, Professor Wünsch, im Widerspruch mit seiner Gutherzigkeit den
frère terrible der schwarzen Kammer spielen mußte.

Soweit Heinrich – nein, nicht von Kleist, sondern Zschokke in seiner Selbstschau. Aber die Parallelen sind schon frappierend, und wer Näheres über das Studentenleben an Kleists Heimatuniversität erfahren möchte, der sollte dort einmal nachlesen. Auf jeden Fall hatten die beiden, als sie sich persönlich kennenlernten, genügend Gesprächs- und Erinnerungsstoff.
([Heinrich] Zschokkes Werke in zwölf Teilen. Hrsg. v. Hans Bodmer. Berlin u.a.: Bong o.J. [1910]. Bd I, S. 37-44)

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