Henriette Vogel war eine Geisel

Aus: Harald Martenstein, Gefühlte Nähe. Roman in 23 Paarungen (München: Bertelsmann, 3. Aufl. 2010), S. 6f.:
»Zu dieser Zeit behandelte er Kleist, einen Dichter, den er heimlich verachtete, nicht wegen seines Werkes, das natürlich hochrespektabel war, sondern wegen seines theatralischen Endes. Heinrich von Kleists Selbstmord am Wannsee, mit dem er die Welt und seine große Liebe zu beeindrucken versuchte – nun, das war dumm, aber letztlich seine Sache. Kleist hatte allerdings eine junge Frau, Henriette Vogel, die er noch gar nicht lange kannte, dazu überredet, mit ihm in den Tod zu gehen. Diese Frau war verheiratet, hatte ein Kind, war allerdings schwer krank und dementsprechend verzweifelt, das ideale Opfer für einen Romantiker, der Blut sehen will. Kleist hatte zuerst Henriette Vogel erschossen, dann erst Hand an sich selber gelegt. Henriette Vogel war eine Geisel, die hingerichtet wurde, um die Welt zur Hochachtung für einen überspannten Literaten zu erpressen. Starke Gefühle und Revolutionen führten nach Rühls Ansicht im Allgemeinen zum gleichen Ergebnis, Terror und Unglück. Wer kann schon die Grenze ziehen zwischen sogenannter Liebe und Narzissmus? Sicher ist bei so etwas nur, dass es Verluste gibt, der Gewinn ist ungewiss.« http://www.randomhouse.de/content/edition/excerpts/102168.pdf

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