Hinter dem Spiegel

»Am Vormittag des 8. August 1946 saß ich in einem Frisiersalon in der Krummen Straße in Detmold, um mir meine damals noch üppige Mähne kürzen zu lassen. Ich blickte sorgenvoll in den großen Spiegel vor mir, nicht ahnend, was sich hinter ihm verbarg. […] Es störte mich, daß es in dem Laden sehr laut zuging. Ein Klempner war, dicht neben meinem Platz knieend, damit beschäftigt, unter dem Waschbecken neben mir die Mauer aufzustemmen, um Reparaturen an der Wasserleitung vorzunehmen. Plötzlich unterbrach er sein Klopfen und rief: ›Da ist ja ein Buch in der Wand drin!‹ Er hielt mir einen verschmutzten Band mit Lederrücken entgegen. Neugierig schlug ich das Buch auf. Ich traute meinen Augen nicht, als ich den Titel las: ›Heinrich von Kleists gesammelte Schriften. Herausgegeben von Ludwig Tieck. Zweiter Theil. Berlin, 1826. Gedruckt und verlegt bei G. Reimer‹.« (Rudolf Sturm: Lauter Erstausgaben. Über die Entdeckung einer eingemauerten Leihbibliothek von 1868 in Detmold, in: Aus dem Antiquariat 4 [1991], 141-148; hier: 142 – Victor Canicio Vola herzlichen Dank für den Hinweis!)
Freigelegt wurden schließlich 2203 Bände der ›Leihbibliothek der Klingenberg’schen Buchhandlung in Detmold‹. »Leider waren 1535 Bände völlig verdorben und […] kamen nur noch für den Müll in Frage. Die restlichen 668 Bände waren zum großen Teil in leidlichem Zustand, einige sogar noch nie ausgeliehen und vorzüglich erhalten.« – »Bezeichnenderweise war übrigens der erste Kleist-Band nur wenig benutzt, und der 3. Teil war – wie der zuerst gefundene 2. Teil – offensichtlich noch nie gelesen worden. Den Kleist-Kenner wird diese Beobachtung nicht überraschen.«

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.