Holunderbeeren schon wieder schwarz!

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Wer Mitte der 1970er Jahre aufs Gymnasium kam, mag sich heute fragen, warum damals im Deutschunterricht ein Gespräch über Naturlyrik noch so ein Verbrechen war. Sollte Brecht dem Nachgeborenen unantastbar sein, bewahrte mit Rühmkorf allenfalls »die Stroh-, die Stroh-, die Strophe / ein verschnittnes Glück«?
Nun, dafür hat unsereiner jetzt noch manche Freude später Entdeckung vor sich, z. B. von Wilhelm Lehmanns Holunder-Gedicht (1950): »Zu seinen Füßen ruhte Käthchen von Heilbronn. / Er weiß es noch. Er träumt davon.«
»Mann ist der Holder, Frau zugleich, / Aus harter Wurzel springt er weich«; und dieser hermaphroditische Holunder ist zugleich Sinnbild für Demut, Offenheit und Freigebigkeit, wertvoll, aber unscheinbar, einer, der Schwere in Leichtigkeit verwandeln kann. Ein wahrer Käthchen-Strauch also? Und heute doch lieber ein Gespräch über Naturlyrik als über Euro-Blüten?
(Quellen: Wilhelm Lehmann: Meine Gedichtbücher. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1957, S. 197. – Peter Rühmkorf: Lied der Naturlyriker [1959], zit. n.: Theodor Verweyen, Gunther Witting [Hrsg.]: Deutsche Lyrik-Parodien aus drei Jahrhunderten. Stuttgart: Reclam 1984, S. 138f.)

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Ein Kommentar zu Holunderbeeren schon wieder schwarz!

  1. Ob solcher Steilvorlagen müßte man doch total verschnarcht sein, wenn man da nicht mit einem Literaturhinweis Umsatz zu generieren versuchen würde. Zum Weiterlesen empfiehlt der auf Standby laufende Hilfskellner daher: Horst Pulkowski, Vom Träumen unter dem Holunderbusch, ISBN 978-3-940494-48-1, 20 Euro. Erschienen in Heilbronn im Kleist-Archiv Sembdner. – Auch auf die Gefahr hin, daß der Wirt von seinem Hausrecht Gebrauch macht, folgt hier der Klartext: „Die Holunderbuschszene in Heinrich von Kleists großem historischem Ritterschauspiel ‚Das Käthchen von Heilbronn‘ gehört sicherlich zu den anrührendsten Liebesszenen der deutschen Literatur. Sie hat nicht nur das bürgerliche Theaterpublikum des 19. Jahrhunderts, sondern auch uns heute immer wieder in ihren Bann gezogen. Ausgehend vom 18. Jahrhundert kommt dem Holundermotiv in der Literatur zunehmende Bedeutung zu. Es entfaltet eine Strahlkraft, die bis in die Moderne reicht. E.T.A. Hoffmann in seinem Märchen ‚Der goldene Topf‘ und Richard Wagner im ‚Fliedermonolog‘ seiner ‚Meistersinger‘ greifen darauf ebenso zurück wie Wilhelm Lehmann und Brigitte Kronauer. Horst Pulkowskis Darstellung verfolgt das Holundermotiv und seine vielfältige Bedeutung durch die deutsche Literatur bis hin zu Ernst Keils Familienblatt ‚Die Gartenlaube‘ und zum Schlager der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts (‚Weißer Holunder…‘), wobei der Autor zu überraschenden Ergebnissen kommt.“

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