Hörbar starke Frauen

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
Mit Heinrich von Kleist: Die große Dramenbox präsentiert ›Der Audio Verlag‹ die fünf bedeutendsten Dramen in Inszenierungen aus der großen Zeit des (Mono-)Hörspiels um 1960. Im Schnitt kaum über 90 Minuten lang, stammen diese also aus einer Zeit, in der die Stimme das Hörspiel trug, und das tut hörbar wohl. Keiner Clipästhetik verpflichtet, eignen sie sich weniger zum Nebenbeihören auf der Autobahn, sondern verlangen ein Sicheinlassen. Dann aber erscheinen die Kleistschen Spannungen zwischen sichtbarem und unsichtbarem Theater souverän bewältigt. Keine Dramatik an der Grenze zum Verstummen also, sondern z. B. ein so gutes ›Timing‹ der berühmten Kurzrepliken im Zerbrochnen Krug, daß trotz des allbekannten ›Täters‹ eine nahezu kriminalistische Spannung entsteht.
Herausragend erscheinen besonders im Hörspiel die tragenden Frauenrollen: Im Krug (SFB, heute RBB) verleiht Trudik Daniel der Marthe Rull in ihrer Angst um Eve eine fast tragische Dimension; Maria Becker als Penthesilea (WDR) steigert sich zu tatsächlich furienhafter Raserei, während Eleonore Schroth als Alkmene im Amphitryon (NDR) beinahe an der scheinbaren Verdopplung ihrer Identität zerbricht. Ebenso wiederzuentdecken sind Will Quadflieg als Achill in der Penthesilea und Ulrich Haupt als Jupiter im Amphitryon.
Kleist im Hörspiel besiegt Sprachskepsis – jedenfalls scheint das für die ›klassische Zeit‹ dieses Mediums zu gelten.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Hörbar starke Frauen

  1. Axel Bartsch sagt:

    Im Krug (SFB, heute RBB) verleiht Trudik Daniel der Marthe Rull in ihrer Angst um Eve eine fast tragische Dimension – »fast«. Tja; hierbei fällt das Schreiben eines wegen der Einführung des Zentralabiturs in seinem Bundesland aufgeschreckten Oberstufenlehrers wieder ein –
    a.b.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.