Ich sage vom Gesetz des Krugs mich los

** Von Martin Maurach, Lüneburg **
»Ein Krug, der in Scherben geht, hört auf, ganz oder heil zu sein. Ganz und heil sagen also eigentlich dasselbe, was das Wort all-ein sagt. Ein Krug, der in Scherben geht, hört auf, nur dem Gesetz des Krugs zu gehorchen und – dementsprechend – sich selber zu gehören; nicht weiter verwunderlich danach, wenn sich unter dem altenglischen anlic (wörtlich: einlich) sowohl die Bedeutung einsam wie die Bedeutung schön findet.«
Soweit der kunstkritische Kölner Essayist und Sprachdenker Albrecht Fabri (20.2.1911–11.2.1998). Kleist, den er weder hier noch sonst – meines Wissens – besonders erwähnt, hat er natürlich gekannt. Wenn Fabri den zerscherbten Krug als ungesetzlich und unschön zugleich analysiert, demonstriert er auch hier in nuce seine Auffassung vom Schönen als etwas Eigengesetzlichem und Singulärem, das zugleich in einem unendlichen geschichtlichen Reflexionsprozeß immer wieder neu erarbeitet werden muß – darum der Ausflug in die vergleichende Etymologie. Also ein ›Formalist‹, natürlich. Eine Provokation zu Zeiten der ›littérature engagée‹, wie sie die Gruppe 47 verstand. Gut, daß es ihn gab.
(Quelle: Albrecht Fabri: Scherben [um 1964], in ders.: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Hrsg. v. Ingeborg Fabri u. Martin Weinmann. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins 2000, S. 125-130, S. 127)

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