Identitätsprobleme

Daß Autoren ihre Biographie verbergen, wissen wir nicht erst seit B. Traven und Thomas Pynchon. Bei Literaturwissenschaftlern ist das eher die Ausnahme: Sie sind nicht prominent genug – außer man findet sie auf der Titelseite der Bunten –, und ihre Zurückhaltung ist folglich auch nicht unter Marketing-Gesichtspunkten relevant. Wenn sie unter falschem Namen erscheinen, dann eher, wenn es braune Flecken auf der weißen Weste gibt.
Nun bringt uns eine im Kleist-Jahr 2011 erschienene große Kleist-Biographie – was sage ich: »die« große Kleist-Biographie, wie sie vom Verlag angekündigt worden ist; das »ultimative« habe ich immer mitgedacht –, bringt uns also »die« große Kleist-Biographie auf den Gedanken, daß es sich lohnen könnte, dem Verfasser der ebenfalls großen und vor allem singulären Kleist-Bildbiographie nachzuforschen. Dortselbst – in »der« Kleist-Biographie finden wir nämlich den Verfasser »der« Kleist-Bildbiographie auf engstem Raum gleich mit dreierlei Identitäten:
1mal als Eberhard Siebert (S. 592),
1mal als Eberhart Siegbert (S. 595),
6mal als Eberhard Siegbert (3x S. 592, 3x S. 594),
wobei uns letztgenannte Identität am meisten einleuchtet, allein schon von der Zahl ihrer Nennungen her.
Herr Dr. Eberhard Siegbert, daraufhin angesprochen, beharrt indessen darauf, nicht er selbst zu sein, und leugnet standhaft das »g« in seinem Namen.
Wie also ist salomonisch zu entscheiden, fragt ratlos ein der Universität entlaufener Hilfskellner und bittet die geneigte Leserschaft um Rat.

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Ein Kommentar zu Identitätsprobleme

  1. Gunther Nickel sagt:

    Der Autor der großen Kleist-Biographie gibt doch schon sehr früh in seinem Buch einen klaren Hinweis darauf, wie mit Fragen nach der Identität umzugehen sei (in diesem Fall der sexuellen, aber man darf das sicher verallgemeinern). »Die These von Kleists Homosexualität«, heißt es dort auf S. 43, »macht vor allem Sinn, wenn man nach ihrer Wahrheit nicht fragt […].«
    P.S.: Der neudeutsche Anglizismus »macht Sinn«, an dem sich sprachkritische Puristen stören könnten, scheint mir übrigens mit Bedacht gewählt. Der zitierte Satz ist zwar sinnlos, aber man kann, mit ein wenig Phantasie, Sinn aus ihm machen. Irgendwelchen halt. Das ist erstens besser als nichts, und es lehrt zweitens, wie neueste deutsche Literaturwissenschaft heutzutage erfolgreich zu betreiben ist.

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